Briefe aus Trebeldorf
von Karl Urickeberg (Dritte Fortsetzung)
Trebeldorf, den 10. November 19 . .
Mein lieber Cunz, so also hast du mich verstanden?
War denn wirklich mein letzter Brief so gar voll von lodernder Begeisterung und „Anbetung", wie Du Dich ausdrückst, daß Du darob einen ganzen Sack voll väterlicher Ratschläge und Ermahnungen über mein törichtes Haupt ausschütten mußtest?
Wäre ich empfindlich, so würde ich darum hadern mit Dir. Doch ich weiß ja. daß mein Enthusiasmus bisweilen mit mir durchgeht. Nur mußt Du Dich auch bemühen, ihn zu begreifen.
Überlege Dir mal, Cunz, auf welche Weise ein Mensch Deines und meines Schlages überhaupt die Möglichkeit besäße, an dieser Stätte zu existieren, wenn ihm nicht hin und wieder das Kleine zum Großen würde und das Alltägliche zum Festlichen.
So ist mirs auch in der Natur. Ganz gewiß habe ich den Mond schon romantischere Gefilde beleuchten sehen als diese dürftigen Einöden, und doch ist mir, als hätte ich nie mit solcher Andacht zu ihm hinaufgeschaut, wenn er fein bleiches Licht herabspendet auf die schwarzen Moorflächen, und ich sehe am fernen Horizont meinen Wald und hier und dort ein paar Windmühlenflügel in unbeweglicher Ruhe silhouettenhaft emporstarren. Ringsum dann dazu die vollkommene Stillei —
Mag also sein, daß ich für Deine Augen meine kleinen Alltagsmenschen zu hoch geschraubt habe, und es ist wohl gewiß, daß ich selbst achtlos an ihnen vorübergeschritten wäre im Getümmel der Großstadt. Wie sollte ich ihnen auch begegnet sein? — Unter Millionen von Kieseln fallen Perlen schwer auf. — Aber hier bedeuten sie mir etwas.
Daß Du gleich ans „Verplempern" gedacht hast, finde ich prachtvoll. — Ich und die schöne Torfbäuerin Anna Ewert! — Hm! Wenn ich mir das so denke! Absonderlich!
Nein, mein alter Junge, das ganz gewiß nicht. Aber meine Freude sollst Du mir lassen; und die ist noch heute so frisch und echt wie neulich.