Londoner Brief
von Albrecht Freiherr von lvocllrocirth in London
eit fast sieben Jahren haben sich die englischen Liberalen als Regierungspartei gehalten. Freilich war dies von den Wahlen des Jahres 1910 ab nur in enger Koalition mit den irischen Nationalisten und der Arbeiterpartei möglich. Aber dank dieser Koalition steht der Liberalismus heute an der Schwelle der Verwirklichung seines historischen Programms. Für die Selbstregierung Irlands hatte Gladstone in den letzten acht Jahren seines politischen Wirkens in erster Linie gekämpft. Auf ihn geht auch der Plan der Entstaatlichung der Kirche in Wales zurück, wo die Vorrechte der englischen Staatskirche in einem gewissen Widerspruch mit dem hohen Prozentsatz der nonkonformistischen Bevölkerung stehen. Eine dritte Vorlage, die in nächster Zeit das englische Parlament beschäftigen wird, hat eine weitere Demokratisierung des Wahlrechts zum Ziel; auch dies ist eine Fortsetzung Gladstonescher Politik.
Eine Fülle gesetzgeberischer Arbeit hat die Parlamentsmaschine gerade jetzt zu bewältigen. Die Regierung ist gezwungen, ihre Vorlagen mit einer Einschränkung der Redefreiheit, die immer aufs neue die Kritik der Opposition herausfordert, durch das Unterhaus hindurchzupeitschen. Die Verfassungsänderung von 1910 hatte dem Oberhaus ein fuspensives Vetorecht gelassen. Da die Opposition im Hause der Lords eine überwältigende Mehrheit besitzt, so ist als sicher anzunehmen, daß es jedenfalls die Howerule-Bill, wahrscheinlich aber auch die beiden anderen Gesetze, verwerfen wird. Die endgültige Entscheidung kann dann erst in zwei Jahren erfolgen, falls nicht inzwischen Neuwahlen stattfinden, die die ganze Situation verändern. Der Widerstand der Protestanten von Ulster, der von den englischen Unionisten heftig geschürt wird, kann der Regierung bei der Durchführung des Gesetzes noch manche schwere Stunde bereiten.
Grenzboten I 1S13 14