Contribution 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Page
151
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

151

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Heimatkunde

Die Entdeckung Deutschlands fiir die Deutschen" diese bizarr klingende Aufgabe hat der Verlag für Kunstwissenschaft in Berlin sich gestellt. Wer aber die letzterschienenen Bände der SammlungDurch ganz Deutsch­land, Kunst und Landschaft in Bildern" (Preis 3 M,) durchblättert, der wird zu seinem Erstaunen sehen, wie unendlich vielunentdcckte" Schön­heiten es noch in Deutschland gibt und wird durch die prächtigen Aufnahmen sich locken lassen, statt der berühmten italienischen Reise, zu der jeder gebildete Deutsche sich beinahe ver­pflichtet fühlt, einmal auf Entdeckungsfahrten ins deutsche Land auszuziehen, in alle jene von der großen Heerstraße abgelegenen stillen Städte und Dörfer, die eine ebenso ergreifende und ebenso tiefe Schönheit haben, sich ebenso harmonisch in die großen Linien der Land- schast fügen, wie die weltberühmten Städte und Städtchen Italiens.

Die größte Überraschung wird Wohl der BandAus stillen Städten der Mark Bran­denburg" dem bereiten, der die an ehrwürdigen Denkmalen der großen deutschen Vergangenheit überreichen Landstriche Süd- und Westdeutsch­lands kennt, und mit einem gewissen Mitleid sich den nnneu, aller Spuren aller Kultur baren Sandboden der Mark vorzustellen gewohnt ist und nun den ernsten und linienklaren Stil sieht, der in einem schwerarbeitenden, herben Volksstamm unter der Führung einer ener­gischen, zielbewußten Dynastie entstanden ist.

Mit feinem Verständnis betonen die den Bildern vorangehenden^Einleitungsworte von Lothar Brieger, daß die Kunst der Mark nicht an fremden Maßstäben gemessen werden sollte, sondern als ein Stück Stein gewordene Landes­geschichte, als das natürliche Produkt der kargen Bodenschätze, eben in ihrer sachlichen Schlichtheit und Wahrheit ihren höchsten Wert besitze. Die meisten Aufnahmen zeigen Tanger­münde, das berühmte und doch so selten be­suchtenorddeutsche Rothenburg" mit seiner stolzen Lage am hügeligen Ufer der Elbe, seinen trotzigen Türmen und Toren, malerischen Straßenbildern und seinem schönsten Denk­

mal aus den Kaisertagen Karls des Vierte», dem spätgotischen Rathaus. Die Backstein- kunst Tangermündes herrscht auch in dem benachbarten Stendal und Salzwedel, wäh­rend die alte Bischofsstadt Brandenburg mit ihren ragenden Kirchen und Rathäusern ein ganz eigenes Gesicht hat und schon wegen ihren prächtigen, hier leider nicht abgebildeten Schätzen an kirchlichen Geräten und Gewän­dern weit bekannter sein sollte, als sie es heute noch ist. Aber auch die stattlichen Reste von kirchlichen und Wehrbauten in ganz kleinen märkischen Städtchen wie Grnnsee, Havel­berg, Königsberg, Prenzlau, besonders Zinna und Chorin, die beiden Perlen mönchischer Bau­kunst, geben ein eindrucksvolles Bild von germanischer Kulturarbeit auf slawischem Ko- lvnialboden. Bauten wie das Renaissance­schloß Wiesenburg leiten zu den Tagen hin­über, wo fürstliche statt privater Bauherren der brandenburgischen Kunst das Zeichen ihres Geistes aufdrückten; das Barockschloß Köpenick, das Hochzeitsgeschenk des Großen Kurfürsten an seinen Sohn, Oranienburg und vor allem Rheinsberg zeigen, wie die fremde, in' den märkischen Boden verpflanzte Kunst Blüten von seltener Schönheit trieb, deren herrlichste, Potsdam, nicht mehr in diesen Band aufgenommen worden ist, sondern einen zweiten Potsdam mit den königlichen Schlössern und Gärten" allein füllt, der als natürliche Fort­setzung des ersten die Reihe märkischer Bilder abschließt. Noch weit stärker als etwa in Schloß Oranienburg ist in Potsdam der ein­heitliche Wille spürbar, der hinter den Barock­bauten Friedrich des Ersten und den Schöpfun­gen Friedrich des Großen steht. Hier hat eine Persönlichkeit von höchster Kraft des künst­lerischen Erlebens einer ganzen Stadt unaus­löschlich ihren Stempel aufgeprägt, sei es in den Schloßanlagen des Stadtschlosses, Sans- soucis, des neuen Palais, den Triumphbogen gleichenden Stadttoren, oder in den nach könig­licher Vorschrift gebauten Bürgerhäusern, die mit ihren ruhigen Flächen und wagerechten Dachlinien der landschaftlichen Stimmung harmonisch sich anpassen und zugleich die wirkungsvollste Folie für die fürstlichen Bauten,