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Grundsätze moderner Ringinszenierung
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Grundsätze moderner Ringinszenierung

von Dr. Fritz Reck-Malleczewen in München

s ist merkwürdig: Bayreuth steht heute fester als je in einem Jahrzehnte vorher. Und doch mehren sich die Stimmen derer, die eine Abkehr von Wagner beobachten wollen. Eine Abkehr, die der neu aufblühenden Mozart- und Bachkultur zugute kommen soll. Die hier an Wagners Werk zweifeln, glauben fast alle ein Zeichen der neuen Zeit zu sehen. Eine Abkehr der neuen Generation von dem Naturalismus Wagners. So spricht sich Friedrich Huch, der im übrigen Wagner durchaus gerecht wird, in seinem musikalischen RomanEnzio" aus. Und fast dieselben Gedanken äußerte neulich Emil Ludwig in einer Arbeit über

die neue Jugend. .....

Es ist heute nicht meine Aufgabe zu untersuchen, ob diese Abkehr von Wagner wirklich besteht und ob sie mit der auf allen Lebensgebieten immer stärker werdenden Sinnesänderung der jungen Generation zusammenhängt. Ich glaube, daß man froh im Strom seiner Zeitgenossen (die ja dem Naturalismus im weitesten Wortsinne immer fremder werden) schwimmen und doch in Wagners Werk einen der größten Schätze deutschen Lebens sehen kann.

Ich glaube aber auch, daß an diesem Zweifel etwas Wahres und Berech­tigtes ist. Etwas, das aufs engste mit meinem Gegenstand verbunden ist. . , Ludwig sagt wörtlich:Es soll hier nicht die Rede sein von dem beispiellos glänzenden Versuch Wagners des Deutschen, die Kultur seines Volkes zu orien- talisieren. Er ist nicht populär geworden und nicht exklusiv geblieben, aber er ist nun höchst legitim, und dies auf eine peinliche, umfassende, denkmal­enthüllende Art. Er wurde eine Art konstitutioneller Klassiker. Die Besten haben ihn vergessen. Das Volk kennt ihn nicht, aber die Volksvertretung. Der alte Zauberer hat nur eine Generation verführt! Ein Menschenalter nach seinem Tode betet die Jugend die alten Götter an und preist Meister, die von jenem lernten und ihn dennoch umgehen." Das sind zum Teil gewiß ungerechte Worte. Und doch, es ist etwas Wahres daran, wenn Ludwig (wie Friedrich Huch) von einem Zauber spricht. Und eben diesen Zauber, den ich für einen störenden, teilweise auch unedlen Bestandteil in Wagners Lebenswerk halte, diesen Zauber auszumerzen, ist eine der Aufgaben der modernen Wagnerregie.

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