Beitrag 
Krieg und Ernährung
Seite
332
Einzelbild herunterladen
 

Arieg und Ernährung

von Professor Dr. R, Rosemann

ie Aushungerungspläne unserer Gegner haben in den weitesten i Kreisen unseres Volkes ein allgemeineres Interesse für Ernährungs­fragen wachgerufen, als es je vorher vorhanden gewesen ist. Bei normalem Stande der Nahrungsmittelversorgung ist aller­dings für die wenigsten Veranlassung vorhanden, sich mit der theoretischen Seite der Ernährungslehre zu beschäftigen; denn die Natur hat uns in dem Appetit einen so ausgezeichnet arbeitenden Regulationsmechanis- mus für die Ernährung gegeben, daß wir uns seiner Leitung ohne weitere Sorge anvertrauen können. Sowie es aber gilt, die Ernährung mit Bewußt­sein bestimmten Anforderungen anzupassen, kann dies natürlich nur geschehen auf Grund einer ausreichenden Kenntnis der Gesetze der Ernährungslehre. Diese Wissenschaft hat seit ihrer Begründung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sehr schnelle Fortschritte gemacht, die neu gewonnenen Erkennt­nisse sind aber keineswegs, nicht einmal in ihren wissenschaftlichen Grundlagen, Allgemeingut der Gebildeten geworden. Der Standpunkt, den die meisten den Fragen der Ernährung gegenüber einnehmen, gründet sich fast durchweg auf Anschauungen, die in der Wissenschaft längst als unzutreffend erkannt sind, sich aber im Bewußtsein des Volkes so eingewurzelt haben, daß sie allgemein als unerschütterliche Wahrheiten gelten. Wer es zu bezweifeln wagt, daß Fleisch, Milch und Eier unserebesten" Nahrungsmittel sind, die alleinKraft" zu geben vermögen, begegnet ungläubigem Zweifel oder überzeugtem Besser- wisfen. Diese Rückständigkeit der allgemeinen Anschauungen ist gewiß schon im Frieden zum mindesten unerwünscht, sür die Verhältnisse, wie sie der Krieg mit sich gebracht hat, ist sie ein erheblicher Übelstand. Denn sie erschwert vielen eine vernünftige Stellungnahme zu den Anforderungen, die die heutige Zeit auf dem Gebiete der Ernährung an den Einzelnen wie an die Gesamtheit stellt.

Die Grundlage der heutigen Ernährungslehre bildet das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Für jeden Vorgang in der uns umgebenden Natur nehmen wir als wirkende Ursache eine Kraft an, ihre Größe messen wir nach der Größe der Wirkung. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft be­sagt, daß bei allen Vorgängen die Menge der Kraft unverändert bleibt, nie­mals wird Kraft erzeugt oder vernichtet, immer handelt es sich nur um einen Wechsel der Erscheinungsform. Eine Dampfmaschine erzeugt nicht Kraft, wie