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Die englische Arbeiterschaft und die Wehrpflicht
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Die englische Arbeiterschaft und die Wehrpflicht

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verständlich, aber nichts, was darüber hinausgeht und ihn aus der selbstgewählten Bahn individueller Lebensführung hinauswirft.

Es kommt noch ein weiteres hinzu. Nächst der Stärke des nationalen Selbstbewußtseins beruht die Möglichkeit, ein Volk von so starkem Egoismus und so starker Abneigung gegen jede individuelle Beschränkung zu einer Einheit zusammenzufassen, zum guten Teil auf der Zähigkeit, mit der der Durchschnitts­engländer an gewissen politischen Grundsätzen festhält, die er wie nationale Heiligtümer hütet und an denen er auch mit Vernunftgründen kaum rütteln läßt. Dazu gehören unter anderem gewisse Garantien gegenüber der monarchischen Gewalt, dazu gehört der Freihandel, dazu gehört auch der Wider­wille gegen den militärischen Dienst im Sinne einer Verpflichtung. Gegen diese Bollwerke 5es politischen Durchschnittsverstandes in England anzurennen, ist fast immer aussichtslos, und zwar auch dann, wenn durchaus zugegeben wird, daß das Festhalten am alten unberechtigt ist. Man fürchtet nämlich viel mehr als die neuen Ideen selbst die Gefahr, die darin liegt, daß das gewohn­heitsmäßige Festhalten an gewissen Vorstellungen des spezifischen Engländertums irgendwo durchbrochen wird. Gerade verständige Engländer wissen, wie sehr die eigentümliche Gleichartigkeit der Grundlinien im politischen und sozialen Denken ihres Volkes im Lauf der Zeit durch brutalen Egoismus und Materialismus veräußerlicht und verflacht worden ist, und darum fürchten sie jede tiefere Spaltung, die durch neue Anschauungen an Stelle der gewohnten Richtlinien hervorgerufen werden könnte.

In den Kreisen des Hochadels und bestimmter Familien, die durch Über­lieferungen als Inhaber von Offizierstellen mit dem Heer verbunden sind, würde natürlich ein Übergang zur allgemeinen Wehrpflicht nicht viel ausmachen. Der Kreis dieser Familien würde sich wohl auch noch etwas erweitern. Aber im Erwerbsleben würden Umwälzungen entstehen, denen die heutige englische Gesellschaft nicht gewachsen sein würde. Auf dieser Grundlage erhebt sich dann auch der Widerstand der englischen Arbeiterschaft gegen die allgemeine Wehr­pflicht.

Was von der englischen Gesellschaft im allgemeinen gesagt wurde, gilt von dem Arbeiter ganz besonders. Das Staatsgefühl liegt ihm noch ferner als dem Durchschnittsbürger. Er ist ja erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit zu der Überzeugung gebracht worden, daß er seine Interessen in der parla­mentarischen Ordnung selbständig und außerhalb des alten Parteischemas ver­treten müsse. Andere Kreise des englischen Volkes sind also länger an der Leitung des Staates beteiligt und interessiert gewesen als der Arbeiterstand, der nur für seinen Anteil an den wirtschaftlichen Erfolgen des englischen Erwerbslebens kämpft und dabei vorauszusetzen gewohnt ist, daß der Gesanvt- vorteil Englands von den Arbeitgebern schon zur Genüge gewahrt wird. Das ist für ihn selbstverständlich, und das verlangt er; auf diesen Punkt richtet sich auch seine Kritik, und das Recht darauf ist eine der Freiheiten, die er sich als