Italienische oder slawische Irredenta?
von Dr. Eduard Wilhelm Mayer
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ie bisherige auswärtige Politik Italiens läßt eine Reihe von besonders betonten Richtlinien erkennen, die Gegenwart und Zukunft bestimmen müssen. Die erste ist die irredentistische, genauer antiösterreichische, ein Überbleibsel aus den Kämpfen um die Einheit, die durch die Zurückgewinnung der „unerlösten" Brüder unter habsburgischer Herrschast erst „vollendet" werden soll. Dazu kommt in den achtziger Jahren nach der Enttäuschung, die Italien in Tunis erlebte, die antifranzöfische Tendenz, die sich die Wahrung der Selbständigkeit und den Ausbau der eigenen Macht im Mittelmeer gegen den vorherrschenden Staat zum Ziel setzt. In den Jahren 1885/86 verfolgte die italienische Regierung ein koloniales Programm; sie suchte nach dem Vorgang der größeren Mächte sern vom Mutterland, im Roten Meer, Landbesitz zu gewinnen, als Entschädigung für die Erwerbungen, die ihr in Tunis und Äpvvten entgangen waren. Nachdem dieser Versuch durch den Widerstand AbrMniens in enge Grenzen gewiesen war, wurde Nordasrika von neuem ins Auge gefaßt; man ließ sich mit dem Anrecht auf Tripolis abfinden, unter Verzicht auf die antifranzösischen Bestrebungen. Da Italien seine Ansprüche im westlichen Becken des Mittelmeers damit aufgab, wandte es sich um so entschiedener gegen Osten, um aus dem Balkan und in der Levante den politischen und wirtschaftlichen Kräften ein Ventil zu geben, in verdeckter Rivalität mit Österreich*).
Die angedeuteten Ziele sind verschieden hoch gesteckt. Zweifellos war es leichter, sich durch eine Schaukelpolitik das Anrecht auf Tripolis zu erwerben, als durch eine antifranzösische Politik den Kampf um das Gleichgewicht im Mittelmeer aufzunehmen. Ebenso ist es unter weltpolitischen Gesichtspunkten
*) Vergleiche meinen Aufsatz „Italiens Politik auf dem Balkan und in der Levante". Die Grenzboten Heft 16 dieses Jahres.
Grenzboten II 1916 23