Die Arisis des deutschbaltischen Menschen
von Dr. Max Hildebert Boehm
ationaler Zusammenhalt, kaum mehr gefühlte Bande des Bluts und des kulturellen Willens sind uns in diesen Tagen wieder merklich geworden. So begibt sich das Paradoxe, daß heute ganz unabhängig von politischen Ambitionen irgendwelcher Art das deutsche Volk das Schicksal eines Stammes als eigenes zu empfinden lernt, dessen wehrfähige Mannschaft gegen uns im Felde steht. Als der nationale Begriff Deutschland sich vor fünfundvierzig Jahren zu einem politischen verdichtete, da waren die Deutschbalteu in Livland, Estland und Kurland sozusagen auf ein totes Gleis geschoben. Der von politischen und wirtschaftlichen Zielen vorwiegend in Anspruch genommene deutsche Geist ging Wege, die die zu Ausländern in schärferem Sinn Gewordenen nicht mitgehen konnten. Hätte nicht ein Vorgang eingesetzt, der doch schon Verfall bedeutete: die Rückwanderung einer großen Zahl geistig bewegter Menschen nach Deutschland nämlich, man hätte vielleicht die Balten nahezu vergessen. Da machte wieder die lettisch - estnische Revolution von 1905/06 das Schicksal des versprengten Stämmchens zu einer rasch verflackerten Sensation. Eine materielle Hilfsaktion wurde eingeleitet, Vertriebene fanden gastliche Aufnahme, im übrigen war die Fremdheit des neuen Deutschland gegenüber den baltischen Rudimenten eines hier längst verklungenen Feudalismus viel zu groß, als daß sein Anteil sich sehr weit über eine etwas sentimental-wohlwollende Interessiertheit hätte erheben können. Nun hat die große Geschichte, die heute gewaltig am Werke ist, in ihrer Selbstherrlichkeit ein Helles Streiflicht auf die baltischen Geschicke geworfen. Es wird nicht durch die mikrologischen Interessen des baltischen Deutschtums entschieden werden, wem nach dem Kriege der viel umstrittene Küstenstrich längs der Ostsee gehören wird. Aber ein Recht nicht nur, sondern die Pflicht sogar hat trotzdem das deutsche Volk, sich um das Verständnis der kulturellen Lage dieses Tochterstammes zu bewerben. Eine bestimmte Abart deutscher Geistigkeit und die Welt, die um sie war, — beide in ihrem Ineinander und Durcheinander, will ich hier darum versuchen, dem schauenden Blick zu