314
Maßgebliches und Unmaßgebliches
nicht die Worte wahr werden, die Paul Better, einer der berufensten Warner und Richter, der Zeit ins Bronzeanlitz schleudert, daß die heutige Bühne „jede neue Lebensregung zum lautlosen Absterben verurteilt", daß das Publikum „zu einer Denkträgheit beispielloser Art" erzogen wird, unter „Beschönigung der eigenen Bequemlichkeit und Geschäftsschlauheit mit vaterländisch-pathetischer Geste". Better wird schwerlich alleinstehen, wenn er feststellt: „eine geradezu ungeheuerliche Geistesfaulheit hat sich aller bemeistert."
Dieser Geistesfaulheit auf ihrem Gebiete entgegenzuwirken, das ist die Aufgabe unserer Dramatiker. Die Intendanten — wir haben es ja gehört — werden folgen. Auch werden sie ohnedies ihre Häuser nicht zumauern können.
sWSWWRt
^^<Ä>?X».''^-^-.
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Politik
Aus der Masse der gegnerischen KriegS- literatur verdienen nur wenige Schriften die Beachtung des deutschen Publikums. Blindwütiger Fanatismus, Verleumdung und schreiender Selbstbetrug herrschen vor und überheben uns jeden eingehenden Urteils. Auch die Ausnahmen können uns nur insoweit interessieren, als sie uns ein Bild von dem Gemütszustand unserer Feinde geben. In diesem Sinne möchte ich hier den Gedankengang des kürzlich erschienenen Buches „La Guerre" von Ernest Denis wiedergeben, dessen Verfasser, Geschichtsprofessor an der Sorbonne, sich selbst zu den objektiven Schriftstellern rechnet (2. Auflage, Paris, Delagrave).
Er beginnt mit der unmittelbaren Veranlassung des Krieges. Als Ergebnis des diplomatischen Streites stellt er fest: Osterreich hat an Serbien unannehmbare Forderungen gestellt; Serbien hat in seinem Entgegenkommen schon die Grenze des Möglichen überschritten; trotzdem hat Osterreich an Serbien den Krieg erklärt; Deutschland hat alle diplomatischen Friedensbestrebungen der Mächte hintertrieben, hat Rußlands Teilmobilmachung als Vorwand zur Kriegserklärung benutzt und durch die Weigerung,
Belgiens Neutralität zu achten, England zum Kriege gezwungen. Der kriegerische Ausgang ist aber nur die unvermeidliche Folge der ganzen deutschen Politik. In dem Bewußtsein, „der ewige und einzige Träger von Kultur und Wissenschaft zu sein", wollte sich Deutschland die Welt unterwerfen. Doshalb hatte es seine Kaufleute und Lehrer in alle Welt geschickt, „uni die Existenz anderer Rassen zu untergraben und den preußischen Regimentern den Weg zu bahnen". Angesichts dieses Zieles hat Deutschland vor nichts zurückgeschreckt: es hat den Bmentrieg entfacht, den russisch-japanischen Krieg, den chinesischen Feldzug, die russische Revolution, den Jrre- denttsmus, die türkische Revolution, es hat sein Heer und seine Flotte gestärkt. Frankreich, der „berufene Apostel der Freiheit", begnügte sich damit, die Statue der Strasz- burg zu bekränzen. Aber da seine Sicherheit durch die wirtschaftliche Habsucht Deutschlands bedroht war, suchte und fand es die Freundschaft Englands und Rußlands und vermittelte zwischen beiden Mächten zwecks Erhaltung des Weltfriedens.
Der Krieg hat das französische Publikum enttäuscht. Man dachte, man hätte es nur mit einer Kaste zu tun und sah sich Plötzlich einem ganzen Volke gegenüber. Wie ist dieser Volkskrieg zu erklären? Nur durch die Tat-