Maßgebliches und Unmaßgebliches
Wirtschaft
Im Reiche des Geldes von Leo Jolles.
Berlin und Leipzig beiSchusteru. Loeffler, 1915.
Das Buch enthält 44 von den Finanzberichten, die der Verfasser im „Tag", in der „Zukunft" und in der „Neuen Freien Presse" zu veröffentlichen Pflegt, in drei Gruppen abgeteilt: Die wirtschaftliche Persönlichkeit; Börse und Spieler; Geld, Geldmacht, Geldmacher.
Der Krieg, das haben schon viele ausgesprochen, ist ein trefflicher Lehrer der Volkswirtschaft. Das Wesen des Geldes hat Adam Smith aufgeklärt, aber selbst die Männer vom Fach vergaßen es manchmal, und im Volke war die richtige Einsicht wenig verbreitet. Der Krieg nun hat die Wahrheit so grell beleuchtet, daß sie auch dem blödesten Auge nicht länger verborgen bleiben kann. Der Reichtum besteht nicht aus Geld, sondern aus Gebrauchsgütern. Das Geld ist nur das Rad, das die Güter umtreibt, einem jeden seinen Einkommenanteil zuführt, dazu Repräsentant der Güter und Wertmesser. Es macht niemals auch nur den kleinsten Teil des Einkommens auS; ein — nicht sehr bedeutender — Teil des privaten und des Volksvermögens ist es nur in der Gestalt von Hartgeld. Die Güter laufen nicht dem Gelde, sondern das Geld läuft den Gütern nach. Das englische Geld läuft jetzt amerikanischen Kriegslieferungen nach und fällt mit ihnen ins Wasser. Deutschland hat Geld, seine Finanzen sind geordnet, weil eS die Güter, die es braucht, selbst erzeugt, Nahrungsmittel allerdings nur in nicht ganz ausreichender Menge. Sonderbarerweise schreibt Jolles Seite 131: „Die Zollpolitik hat es dahin gebracht, daß das deutsche Volk zur Deckung seines Bedarfs ausländisches Getreide in wachsender Menge kaufen muß." Bekanntlich hat die Zollpolitik die Landwirte in den Stand gesetzt, durch Jntensivizierung des Betriebs
den Ernteertrag stetig zu steigern und so mit dem Wachstum der Bevölkerung einigermaßen, wenn auch nicht völlig, Schritt zu halten. Freilich hat die Anwendung dieses Mittels, des Zollschutzes, ihre Grenzen und vermag die Ursache der Nahrungsmittelknappheit, die Bodenknappheit, nicht zu heben Die Aufklärung der verschiedenen Begrisie, die mit dem Worte Kapital verbunden werden, verdanken wir Rodbertus. Das Geldkapital ist ein Rechtsanspruch. Die Hypothek, die Aktie macht den Inhaber zum Mitbesitzer eines Landguts, eines Bergwerks, und verleiht ihm das Recht, einen Teil des Ertrages, also des Arbeitprodukts anderer, für sich einzuziehen; der Staatsschuldschein weist auf den Steuerertrag des Staates, also auf das Arbeitprodukt der Gesamtheit seiner Bürger an. Der Wert eines solchen Kapitalstücks hängt davon ab, ob und in welchem Maße der Rechtsanspruch verwirklicht werden kann. Marianne mutz ihre Rechtsansprüche in den Schornstein schreiben, weil Russen, Serben und Südamerikaner keine Zinsen zahlen können, und John Bull kann die Zinsen seiner in überseeischen Unternehmungen angelegten Kapitalien nicht hereinbekommen, weil der Krieg den Weltverkehr unterbindet und eine Weltdepression zur Folge hat.. Nur der Wert der im Jnlande angelegten Kapitalien ist sicher. Der Wert der Realgüter gegenüber dem Gelde tritt dem aufmerksamen Leser des Buches von Jolles schon in dem Umstände entgegen, daß die deutschen Männer, deren Charakterskizzen in den Aufsätzen der ersten Gruppe gezeichnet werden, die Krupp, Loewe, Nathenau, Kirdorf, Thyssen, Stinnes captains ok labour, Organisatoren der Güterproduktion, die amerikanischen mehr Spekulanten als Produzenten, die französischen Geldfürsten sind.
Der Krieg hat also der Überschätzung des Geldes ein Ende gemacht. Aber als unentbehrliches Werkzeug des Güterumlaufs darf