Von deutscher Aultur und deutscher Freiheit
Auch eine Ariegsbetrachtung von Dr. jur. et pkil. Erich Jung o. ö. Professor der Rechte
M
enn die größte politische Frage, die Existenzfrage, einem Staatswesen gestellt ist wie uns jetzt, dann treten naturgemäß alle anderen Seiten des Gemeinschaftslebens in den Gedanken der Nation zurück vor der nun allein ausschlaggebenden — der militärischen Machtentfaltung. Aber diese Höhepunkte der Kraftentfaltung, oder vielleicht darf man sagen Höhepunkte des nationalen Lebens überhaupt, in denen die erste ethische Qualität, die Fähigkeit zur Hingabe des Ich an einen höheren Zweck, am einfachsten und dringlichsten in die Erscheinung treten muß — bezeichnen naturgemäß nur den Moment des Freiwerdens gesammelter Kräfte und Eigenschaften, die das Ergebnis langdauernder Arbeit und Pflege, altererbter Anlagen der Nation und ihrer geschichtlichen Erlebnisse, sind.
Jene über unser kühnstes Hoffen noch hinaus nun fo wunderbar sich offenbarende Entschlossenheit, Opferfreudigkeit und Einigkeit der Nation ist nicht aus den Einzelursachen dieses Völkerkrieges und auch nicht nur aus unserer Organisationsfähigkeit, aus der militärischen Tüchtigkeit oder sonstigen einzelnen Eigenschaften zu erklären. Sie hat ihre tieferen Ursachen in dem ganzen geistigen und ethischen Wesen der Nation; in ihrer Kultur, wie man zusammenfassend sagen kann, wenn man nur das Wort Kultur genügend weit faßt, und es nicht, wie häufig geschieht, mit dem Begriff Zivilisation, schärfer Domestikation, verwechselt; wobei unter diesem letzteren Ausdruck zu verstehen ist die äußere Seite intensiveren Kulturlebens, die Vermehrung der materiellen Annehmlichkeiten des Lebens und die Verfeinerung auch der nicht gerstigen Bedürfnisse.
Diese äußere Bereicherung des Lebens steht ja in einem gewissen Zusammenhang mit der wirklichen Kulturhöhe der betreffenden Gemeinschaft. Aber dieser Zusammenhang ist kein notwendiger; es kann eine Gemeinschaft die materiellen Errungenschaften des Kulturlebens noch eine Zeitlang festhalten, wenn die eigentlichen Triebkräfte der Kulturgemeinschaft schon abgestorben sind. Dies hat