Maßgebliches und Unmaßgebliches
Tagesfra gen
Freie deutsche Blätter. Jahrgang 15 in Fortsetzung des „neuen Jahrhundert". Verlag der Krausgesellschaft, München 27, Möhl- strafze 44. Bezugspreis vierteljährlich 2 M., Einzelheft 75 Pf.
Vielfach schon ist die Hoffnung ausgesprochen worden, daß der Burgfrieden in die Friedenszeit fortwirken und die Stimmung der Parteien, Stände, Gesellschaftsschichten gegen einander dauernd bessern werde. Ganz besonders darf man das von den Konfessionen erwarten. Die Haltung der Katholiken und des Papstes machen es den Protestanten unmöglich, den Katholizismus auch in Zukunft noch als eine Gefahr für das Deutsche Reich anzusehen. Ihre Schuldigkeit haben die Preußischen, die deutschen Katholiken auch 18SS und 1870 selbstverständlich getan, aber, aus bekannten Gründen, mit geteiltem Herzen. Diesmal sind sie mit ganzem Herzen dabei; einerseits, weil sie, ebenso wie die Sozialdemokraten, einsehen, daß es um unser aller Existenz geht, anderseits, weil neben dem protestantischen England das durch Katholikenverfolgungen berüchtigte Rußland und die atheistische kirchenfeindliche Regierung Frankreichs unsere Feinde sind. Die Gesinnung der Katholiken kommt deutlich in ihrer Presse zum Ausdruck; nicht bloß in der deutschen: in Italien ist nur die katholische Presse (wie interessant, daß in dem ganz katholischen Lande die wirklichen Katholiken eine schwache Minderheit ausmachen) entschieden deutschfreundlich. Und in Nr. 17 von KausenS Rundschau, von der mir zufällig «in Paar Nummern zugehen, wird über einen herrlichen deutschfreundlichen Vortrag berichtet, den Georg Baumberger, Redakteur der katholischen Neuen Züricher Nachrichten in
Konstanz gehalten habe. Nach dem alten Grundsatze Latliolics, non leZuntur werde in der deutschen Presse, die über Spitteler lärme, von diesem Vortrage wenig gesprochen, und werde Baumbergers sehr gut redigiertes Blatt in Deutschland nirgends gelesen, während man in allen Zeitungskiosks Süddeutschlands die Neue Züricher Zeitung finde, die alle Lügen unserer Feinde ohne Redaktionsbemerkung abdrucke.
Aber auch an den Katholiken kann die Erfahrung nicht spurlos vorübergehen, daß die sittliche Überlegenheit Deutschlands über die katholischen Franzosen und Belgier zu einem guten Teile der Gesundheit und Kern- haftigkeit der protestantischen norddeutschen Stämme und des Hohenzollernhauses zu danken, daß also, was übrigens die Kölner Richtung schon seit langem anerkennt, nicht die Konfession sondern das allgemein Christliche das Wesentliche ist. Das Borurteil, als ob katholische Orthodoxie die Bedingung christlicher Lebensführung sei, wird gründlich zerstört, die deutschen Katholiken werden sich, ohne auf die ihnen ans Herz gewachsene Kirchenform zu verzichten, ihren Protestantischen Mitbürgern stärker als bisher seelenverwandt fühlen und die evangelische Konfesston nicht mehr als eine Häresie ansehen, sondern als eine berechtigte Form des Christentums würdigen.
Unter diesen Umständen haben jene Katholiken, die für eine freiere Auffassung des Christentums kämpfen, mehr Aussicht auf Erfolg als bisher, und ihre Bestrebungen zu fördern, liegt offenbar im vaterländischen Interesse. In der oben genannten Zeitschrift haben sie sich ein Organ geschaffen, das die Freunde der Grenzboten um so lieber unterstützen werden, da ihnen der Herausgeber, Dr. Philipp Funk, durch die Besprechung