Deutsche Ariegsdichtung heut und vor hundert Iahren
von Dr. w. Warstat
„Was Zum Siege uns erkoren, War der Freiheitskriege Geist, Der aus tiefster Not geboren, Fester uns zusammenschweißt."
ieses Geständnis finden wir in einer der Kriegsdichtungen von heute. Es ist das Gedicht „Deutsche Kunde" von Richard May in der Sammlung „Deutschlands Kriegsgesänge" von C. Peter. (Oldenburg i. Gr., Verlag Gerhard Stalling.) Und blättert man die außerordentlich große Zahl von Gedichtsammlungen und
selbständigen Gedichtbüchern einzelner Dichter durch, die mit der Zahl 19l4 an der Stirn unter dem Zeichen des Weltkrieges erschienen sind, so findet man überraschend oft das Bestreben, innerlich und auch äußerlich an die Zeit vor hundert Jahren, an den Geist der Befreiungskriege und an den Ausdruck dieses Geistes, die sogenannte „Freiheitsdichtung", anzuknüpfen.
Von den Bemühungen, in Äußerlichkeiten sich an jene Zeit und ihre Dichtung anzulehnen, sei nur erwähnt, daß in Erinnerung an Rücksrts „Geharnischte Sonette" die Sonettform wieder zu Ehren gekommen ist. Ja, einzelne Dichter gehen so weit, jenen berühmten Titel für ihren Bedarf abzuwandeln und seine allgemeine Bekanntheit wenigstens im Abglanz für sich auszunützen. Richard Schaukal, der österreichische Dichter, schmiedet „Eherne Sonette" (Georg Müller in München) und zwingt dadurch den Leser zu einem Vergleiche zwischen diesem sogenannten „Erz" von heute und der „geharnischten Poesie" Rückerts, nicht zu seinem eigenen Vorteil. Denn was dem Schwaben 1813/14 gelungen ist. das ist dem Österreicher 1914 nicht geglückt. Jener griff mit geharnischter Hand in die Herzen seiner Zeitgenossen und rüttelte sie auf durch die monumentale Wucht seines Wortes: „Was schmiedst du, Schmied?" „Wir schmieden Ketten, Ketten!" „Ach, in die Ketten seid ihr selbst geschlagen." Es ist ihm gelungen, die gewaltigen Ereignisse von 1312 und 1813 in Bilder und Symbole zu fassen, die ihrer wert sind. Schaukal dagegen begnügt sich vielfach damit, impressionistisch und durchaus geschickt gesehene Einzeleindrücke uns in Verse und Reime zu kleiden. Aber das erscheint uns Heute als Spielerei für Friedenszeiten. Er macht kleine Glossen zum großen Geschehen.
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