Maßgebliches und Unmaßgebliches
Memoiren
Briefe und Erinnerungen aus Alt-Wien.
Wem steigt bei solchem Namen nicht die „gute alte Zeit" in ihrer glück- und leidüberwundenen Vergangenheit herauf, die uns alles zu besitzen scheint, was unserem überhetzten Leben fehlt? Wir denken an gemütliches Geplauder am behaglichen Kamin, an fleißige Hände, die mit feiner Stick- oder Häkelarbeit anmutig beschäftigt sind, an Altwiener Salons, in denen sich Künstler und Gelehrte zu geistreichen Gesprächen im gastfreien Hause verstehender Frauen zusammenfanden. Wie heimelt uns das alles an; und sehnsüchtig zurückschauend fühlen wir, wie arm wir gegen unsere Urgroßmütter geworden sind. In dem rastlosen Jagen nach „Kultur" und „Zivilisation", und wie die Schlagworte alle heißen, waren wir nahe daran, das Beste, unser Gemüt, zu verlieren. Wir wollten uns „hinaufpflanzen" und merkten es nicht, wie entwurzelt wir waren. Erst der Ausbruch dieses schrecklichsten aller Kriege hat unseren atemlosen Lauf gehemmt, und in der plötzlichen, unheimlichen Stille mußten wir uns gestehen, daß wir Phantomen nachgejagt waren, die in unserer furchtbaren Not uns schnöde im Stich ließen. Da wendet man sich trostsuchend an die Vergangenheit, die so reich war, daß auch für uns noch etwas übrig blieb. Und gern greifen wir zu den unter der Leitung von Gustav Gugitz erscheinenden Bänden, die unter dem Gesamttitel: „Denkwürdigkeiten aus Alt- Sfterreich" vom Verlag Georg Müller in München vereinigt sind. Die Ausstattung der einzelnen Werke ist, wie stets bei diesem Verlage, glänzend; reicher Bilderschmuck, zum
Teil nach bisher unbekannten oder schwer zugänglichen Originalen oder seltenen Strichen, vervollständigt die Bände.
Da sind zunächst die „Denkwürdigkeiten aus meinem Leben 17S9 bis 1843" der Schriftstellerin Caroline Pichler (herausgegeben mit überreichlichen Anmerkungen von Emil Karl Blümml), die einst eine Berühmtheit war, und die jeder, der Wien besuchte, gesehen haben mußte, geradeso wie den Stephansdom; der aber schaut auch heute noch in stolzer Hoheit auf das neue Wien, während die Pichler und ihr Ruhm längst dahin sind. Maria Theresias ernste Augen haben noch auf der Kindheit der Dichterin geruht, und viele Persönliche Züge weiß sie uns aus dem Leben der großen Kaiserin zu berichten, bei der ihre Mutter, Charlotte von Greiner, Kammerfrau und Vorleserin war. Wie viele der Großen, die uns unsterblich wurden, hat sie noch klein und unscheinbar gesehen; nur jung, so unwahrscheinlich jung und lebensfroh waren sie, wie wir uns einen Grillparzer, einen Bauernfeld, den schwermütigen Lenau und viele andere gar nicht recht vorstellen können. Friedrich Schlegel, Tieck, Clemens Brentano leben wieder auf. Mit Dorothea Schlegel verband Caroline herzliche Freundschaft, und sie spricht von der so viel Geschmähten in aufrichtiger Verehrung, die diese seltene Frau gewiß verdient hat. Auch Goethes friedlose Schwiegertochter Ottilie fand einmal Rast in PichlerS glücklichem Hause. Viel hören wir in diesen Denkwürdigkeiten von der Not der Zeit. Dreimal kamen die Franzosen in das schöne Land, mit allen blutigen Schrecken, mit Cholera und Hungersnot, die ein Krieg im Gefolge hat, bis es 1813 den Verbündeten