Maßgebliches und Unmaßgebliches
Religion
Friedensreligion und Kriegsreligion.
Es mag manchem merkwürdig erscheinen, so unterscheiden zu wollen! Eine Friedensflagge und eine Kriegsflagge, einen Friedensgott und einen Kriegsgott, die Friedensstärke und die Kriegsstärke einer Armee läßt sich jeder gefallen. Was aber soll eine Unterscheidung der Religion je nach Krieg und Frieden?!
Es dürfte unverkennbar sein, daß dieselbe ihre Berechtigung hat.
Es geht mit der Religion ja im letzten Grunde nicht anders, wie mit einer Menge von Lebensgebieten, Kunst, Poesie, Rechtspflege, Moral usw. Es sind in den uns vertrauten Ländern gemeinhin zwei Hauptfaktoren, die sie Pflegen und kultivieren: Staat und Volk. Es kommen außerdem noch etwa Stadt und Finanz hinzu als Faktoren zweiten Ranges. Jene beiden dürften die Hauptbeteiligten sein. Der Staat, der alles regiert, betätigt sich, kann man sagen, so ziemlich auf allen Gebieten, hält sie alle in Pflege und Kultur. Und das Volk hat sich einige derselben ausgewählt, kann sich ihrer auch immer nur einige auswählen, die ihm liegen, und pflegt diese. Nun aber entwickeln sich im Verlauf der Sache die Dinge meist so, daß in Friedenszeiten der Staat in ihnen allen immer mehr und stärker vordringt, sie regiert bis zur Vergewaltigung hin. DaS Volk wird immer weiter zurückgedrängt. Und das Volk, gutmütig und hilflos wie es ist, läßt sich zurückdrängen I Bis es in Kriegszeiten wieder aufsteht. Das Volk steht aufl In solchen außergewöhnlichen Zeiten, solchen Notzeiten fängt das Volk auf einmal wieder an zu schaffen. Der Staat beschränkt sich sofort auf seine ihm speziell adäquaten und zusagenden
Provinzen, Regiment, Militär, Kriegführen, Organisieren — Dinge, die besonderen Überblick erfordern, der eine Eigenart alles Staatswesens ist. Auf anderen Gebieten werden eine Unmenge von Bureaukratie, Aktenarbeit und Journalnummern plötzlich Überfluß, sind auf einmal gänzlich unangebracht und zwecklos. Den freiwerdenden Platz aber nimmt wieder das Volk ein. Das Volk bemächtigt sich wieder seiner Gebiete. Das Volk macht wieder Geschichte, macht Poesie, macht Moral, macht Religion.
Also dieser Zusammenhang, beschränkt auf die Religion, dürfte sich bemerkbar machen in dem Gegensatze, den unsere Überschrift wiedergibt.
Unsere „Friedensreligion", um ihr etwas näher nachzugehen, stammt wesentlich von unseren Kathedern und unseren Kirchenräten, Oberkirchenräten und ähnlichen Behörden her. Es find diejenigen Instanzen, die der Staat für die Pflege der Religion jeweilig einsetzt und unterhält. Ihre Wirksamkeit für wirkliche Religion war im allgemeinen, der Lage der Dinge entsprechend, stets nur gering. Staats» religion mag etwas durchaus notwendiges sein. Religionslose Staaten sind im allgemeinen nicht viel besseres, als religionslose Menschen. Aber eine Vollendung der Religion hat die Staatsreligion im allgemeinen nie erreicht. Wie gesagt, Religion liegt einmal dem Staatsbetriebe nicht recht. Sie wird aufgelöst das eine Mal in Wissenschaft, das andere Mal in Verfügungen, Parteistreitigkeiten und Disziplinarfälle. Die beiden Höhepunkte, mit denen die zwei feindlichen Brüder gelegentlich ja in die aller- breiteste Öffentlichkeit treten, die Kritik und der Disziplinarfall, schaffen für wirkliche Religion wenig oder gar nichts. Das Ergebnis