Deutschland und die Schweiz
von Jan Lyssen
er historische Materialist mag den Kampf um die Seele der Neutralen so auslegen, als ob es sich um einen Streit um den besten Platz am neutralen Futtertrog handle, um die vor völkerpsychologischen Reizbarkeiten sichergestellte Aufnahme der Exportware wenigstens für die Dauer des Krieges. Nur hieße das die pathologische Triebkraft des dämonischen Verleumdungsfeldzuges unserer Gegner verkennen. Denn in ihm offenbart sich eine Zerstörungswut, die selbst den Preis des Unterganges der abendländischen Kultur zahlen würde, gelänge es nur, um Gabriel Hanotoux Worte zu gebrauchen, den germanischen Koloß zu zertrümmern. Nichts anderes bedeuten die Versuche, neutrale Staaten in den Krieg hineinzuziehen, da jede Erweiterung des Kriegschauplatzes keinen anderen Erfolg hätte, als die europäische Vorherrschaft zum Vorteil der rivalisierenden Kontinente für unabsehbare Zeit zu zerbrechen.
Es ist zuzugeben, daß man in der Schweiz die Pflicht zur Neutralität in dem ideologischen Sinne aufgefaßt hat, die Brückenpfeiler zur Verständigung einzurammen, zu sorgen, daß nicht alles von dem Wirbelwind der Zerstörung erfaßt werde. Jndesfen: es bleibt ein Erdenrest, zu tragen peinlich. Wir haben erlebt, daß die romanische Schweiz ihre Teilnahme in starkem Maße Frankreich zuwandte. Nicht nur in Worten, sondern auch in Werken. Im Gegensatz dazu hüllte die deutsche sich in den korrekten Faltenwurf der Neutralität, peinlich bemüht, auf keine Schale mehr oder weniger zu legen. Das rassenmäßg bestimmte Gemeinschaftsgefühl dringt in der deutschen Schweiz nicht durch. Nun wäre es ein Fehlschluß, die Stimme des Blutes ganz wegzuleugnen, da sie sich doch in der romanischen Schweiz mit heftigen Pulsschlägen meldet. Auf der einen wie auf der anderen Seite wirken hier Imponderabilien, politischer, psychologischer und historischer Natur, ohne deren eindringende Grenzboten ! ISIb 21