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Kriegerische volkspocsie
die die Zeit wieder lebendig macht. So ziehen sie hinaus, um das Sonnengespann der vaterländischen Geschicke vom Abgrund zu reißen und durch Hingabe ihres Lebens emporzuführen auf goldene Bahn.
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Es gilt nun noch kurz das Bleibende im Wechsel der geschichtlichen Erscheinungen zu betrachten, dasjenige, was unabhängig von der Zeit aller Kriegspoesie schlechthin gemeinsam ist, das rein Soldatische, das zu allen Zeiten das Kriegerherz bewegt hat, ob es unter dem Wamse des Frundsbergischen Landsknechts, dem Küraß des Wallensteinschen Reiters, den Schnüren des Ziethen- husaren, oder der Felduniform eines Helden von Sedan schlug. Diese Betrachtung ist sogar unerläßlich, weil sie zusammenfällt mit der letzten Frage, die heute zu stellen ist, der Frage nach den sittlichen Werten unserer kriegerischen Volkspoesie.
Da ist es denn zuerst die ewig alte, ewig junge Liebe, die Liebe zu Schätzlein und Soldatenbraut, die wie eine Rose den Strom der Volkslieder hinabschwimmt von alten Zeiten bis auf diesen Tag:
Anstatt deiner schönen Gestalt Für deinen süßen, roten Mund
Mein apfelgraues Roß ich halt' Küß ich die bleierne Kugel rund:
Frisch aufl frisch auf! frisch aufl Frisch aufl frisch aufl frisch aufl
Es gehet mit mir in den Tod Für deine zarten Fingerlein
Und trägt mich oft aus mancher Not In meinen Händen sind gemein Durch sein Großmütigkeit. Der Degen und Pistol.
So sang der Landsknecht vor seiner Liebsten Tür. So singen noch heute die Soldaten, wenn sie hinausmarschieren und beim Brummen der Kanonen gedenken sie noch des Schätzchens daheim. Oft aber lautet das Liedchen auch auf eine andere Tonart:
Soldaten sind lustig, Sie belügen und betrügen
Soldaten sind gut, So manches junge Blut.
Dann findet man den leichtsinnigen Kehrreim der Wankelmütigkeit immer wieder:
Nun setz ich mich aufs Pferdchen Du glaubst, du wärst die Schönste
Und trink ein Gläschen kühlen Wein Wohl auf der ganzen Welt, ja Welt,
Und schwörs bei meinem Bärtchen, Und auch die Angenehmste,
Dir ewig treu zu sein: Ist aber weit gefehlt:
Geh du nur hin, ich hab mein Teil, Geh du nur hin, ich hab mein Teil,
Ich lieb dich nur aus Langeweil; Ich lieb dich nur aus Langeweil;
Ohne dich kann ich schon leben, Ohne dich kann ich schon leben,
Ohne dich kann ich schon sein. Ohne dich kann ich schon sein.
Wer aber will da mit dem Soldaten rechten oder ihn gar mit dem Maßstab sittenstrenger Lebensauffassung messen, wenn er einmal die traurige Kehrseite der Medaille betrachtet hat. Das ganze Leben des Soldaten — und das ist das zweite durch alle Jahrhunderte wiederkehrende Motiv — ist aus Scheiden und Meiden gestellt:
Nun ade, herzliebster Vater, Nun ade, herzliebster Bruder,
Nun ade, so lebe wohll Liebste Schwester, lebe wohll
Willst du mich noch einmal sehen, Konnten wir uns nicht vertragen,
Steig hinaus auf Bergeshöhen, Muß ich jetzt mein Leben wagen,
Schau hinab ins tiefe Tal, Drum ade, so lebet wohll
Siehst du mich zum letzten Mal. ^un ade, herzliebstes Mädchen.
Nun ade, herzliebste Mutter, Nun ade, so lebe wohll
Nun ade, so lebe wohll Weil ich jetzt von dir muß scheiden,
Hast du mich in Schmerz geboren, Für das Vaterland zu streiten.
Zum Soldaten auserkoren? Liebster Schatz, verzage nicht! O du armes Mutterherz I