T>er deutsch-englische Gegensatz
von Prof. Dr. Wilhelm Gerloff
!as Verhältnis Deutschlands zu England unterlag in den letzten Jahren in beiden Staaten einer zweifachen Betrachtung. Die ! einen, die Politiker, erklärten: Macht euch auf die Auseinandersetzung mit dem Gegner gefaßt! Die anderen, ich möchte, trotzdem die Tatsachen gegen sie entschieden haben, sagen die Weiterblickenden, vorzugsweise Vertreter des Wirtschaftslebens, Industrielle und Volkswirte hüben und drüben erkannten, daß die Zeiten der Alleinherrschaft für England zwar vorbei seien, sie waren aber der Meinung, daß die Welt auch für zwei große Industrie- und Handelsmächte genügend Raum biete. Die Stimmung dieser Kreise hat auf der letzten deutsch-englischen Verständigungskonferenz (1912) ein Engländer treffend mit dem Worte charakterisiert: „Wir sind zu groß um einander zu bekämpfen, darum müssen wir groß genug sein, um Freunde zu werden." Für die einen gab es nur die Losung: Deutschland oder England, für die anderen hieß es: Deutschland und England. Das Stichwort der ersteren ist inzwischen die weltgeschichtliche Frage geworden.
Der Gegensatz, der heute mit Waffengewalt ausgetragen werden soll, ist schon einige Jahrzehnte alt. Ja, die letzten Wurzeln der deutsch - englischen Spannung reichen beinahe ein Jahrhundert weit zurück. Der Pariser Friede von 1815 hat Englands heutiger Weltstellung die Grundlage gegeben. Nach der Vernichtung der französischen Flotte wurde Großbritannien die unbeschränkte Meeresbeherrscherin. In allen Erdteilen wurden englische Niederlassungen errichtet und an allen Seewegen und Meerengen britische Posten aufgestellt. Während der Kontinent sich von den langen und schweren Kriegsjahren langsam Grenzboten I ISIS 3