Balkanbund und Dreibund
von Dr. Rarl Mehrmann-Loblenz
wei neue Tatsachen haben uns die Oktoberschlachten gebracht: den siegreichen Balkanbund und die verlustreiche Türkei. Mit diesen beiden Ergebnissen des jüngsten Orientkrieges hat die Politik der europäischen Großmächte fortan zu rechnen, selbst dann, wenn das nächste Ergebnis der Siege nicht so ausfallen sollte, wie die Slawen es wünschen. Auch Deutschland wird sich mit dem Umsturz am Balkan abzufinden haben. Es wird sich vielleicht am ehesten von allen Großstaaten der europäischen Staatengesellschast mit dem neugeschaffenen Zustand abfinden können, weil die Intimität der deutscheu Beziehungen zum alten Osmanenreich niemals über die politische Freundschaft bis zur tatsächlichen Verbündung hinausgeschritten ist.
Was uns mit der Türkei im Augenblick ihres schweren Sturzes verbindet, find Fäden wirtschaftlicher Natur, allerdings, wegen der großen Investierung deutschen Kapitals und deutschen Unternehmungsgeistes bei den Bahnbauten in Vorderasien, Fäden von ganz besonderer Stärke. An sich aber gehören in das System der weltwirtschaftlichen Beziehungen des Deutschen Reiches naturgemäß auch die Staaten, die heute im Balkanbund zusammengeschlossen sind. Ich habe schon früher einmal an dieser Stelle zu zeigen versucht, daß das Ziel der Weltpolitik Kaiser Wilhelms des Zweiten die Einheit des deutschen Weltwirtschaftsgebietes ist. Daß in dieser Wirtschaftseinheit der gesamte nahe Orient eine hervorragende Stellung einnimmt, wird fofort klar bei einer kleinen statistischen Zusammenstellung, die mir der Leser erlauben möge.
Nach seiner geographischen Lage ist das Deutsche Reich ein Festlandsstaat. Seine Kolonien reichen nach Zahl und Flächeninhalt nicht an die der anderen Großmächte heran. Auch militärisch ist Deutschland trotz aller maritimen Anstrengungen eine Festlandsmacht geblieben. Und unsere wirtschaftliche Erzeugung
Grenzboten IV 1912 38