Reichsspiegel
(vom 30. September bis 6. Oktober) Bank, Geld und Wirtsch aft
Börsenderoute und Balkmikrisis — Die Ursachen des Zusammenbruchs — Die Weltkonjunktur — Die Gefahr Politischer Störungen — Die finanzielle Kriegsbereitschaft Deutschlands — Die Reichsbank — Der Münchener Bankiertag — Gewerkschaftliche Bewegung unter den Bankbeamten
Die Mobilmachung auf dem Balkan hat auf die Börse wie ein Donnerschlag gewirkt. Nicht anders wie vor Jahresfrist anläßlich des Marokkokonfliktes durchfuhr ein lähmender Kriegs schrecken die Mächte, welche sich gerade jetzt angesichts der glänzenden Wirlschaftskonjunktur und der verminderten Geld- svrgen einer besonders ausgeprägten Sorglosigkeit Hingaben. Auf politische Überraschungen war man ganz und gar nicht gefaßt. Im Gegenteil, der Friede in Tripolis schien nur noch eine Frage von Wochen, wenn nicht von Tagen, und den inneren Schwierigkeiten der Türkei, den Aufständen und der Unruhe der Balkanvölker legte man nicht das mindeste Gewicht bei. Die ständige Gewohnheit ließ die täglichen Nachrichten hierüber schließlich uninteressant erscheinen. Von dem Friedensschluß mit Italien erwartete man auch eine Beschwichtigung dieser Unruhen, die nur eine interne Angelegenheit der Türkei zu sein schienen und keineswegs in das Gebiet der hohen Politik überzugreifen drohten. Seit die Börse die wichtige Frage des deutsch-englischen Einvernehmens nicht mehr als eine Quelle möglicher Sorgen glaubte betrachten zu müssen, schenkte sie tatsächlich der Politik keine Beachtung mehr. Nur die Gestaltung der Geldverhältnisse gab ihr Anlaß zu einer gewissen Beunruhigung und nachdem auch diese Furcht von ihr genommen, lag die Bahn srei. In Wirklichkeit aber war die Situation insofern nicht unbedenklich, als die Spekulation unter dem Einfluß der günstigen Konstellation einen mächtigen Anreiz erhalten und infolgedessen die Kurse auf eine Höhe gelrieben hatte, die schon an sich Bedenken erregen mußte. Je mehr sich in den Betriebsausweisen und den bekanntwerdenden wirtschaftsstatistischen Daten der starke Ausschwung des Wirtschaftslebens ausprägte, um so stürmischer gestaltete sich das Treiben am