Jesus auf der Bühne
von Professor v, Johannes N? end land-Basel
!remd, ja feindlich stehen sich heule meist Theater und Kirche gegenüber. Und doch waren beide früher nahe verwandt. Die antiken Festspiele wurden zu Ehren der Gottheit aufgeführt und feierten das Ereignis, das zur Gründung eines neuen Kultes geführt hatte. Auch der christliche Kult hat reichliche Einflüsse des Theaters erfahren. Die Bilderwand in den morgenländischen Kirchen schließt den Altarraum von dem Standort des Volkes ab und gleicht dem Vorhang im Theater. Der Priester mit den Diakonen führt das heilige Drama auf. Aus den Aufführungen im Kultus entsprangen auch die mittelalterlichen Volksschauspiele, die die heilige Geschichte und Legenden oft in burlesker Weise vorführten. Noch heute ragt in den Oberammergauer Passionsspielen ein Stück dieser Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Viele haben Weihestunden beim Anschauen des heiligsten Dramas der Christenheit in Oberammergau erlebt. — Der Protestantismus ist nüchterner, strenger gewesen. Er hat alles glänzende Beiwerk aus dem Kultus verbannt: die prächtigen Meßgewänder, die äußeren Zeremonien, die Bilder; er hat der Kunst einen geringeren Spielraum im Gottesdienst bemessen; das Wort sollte ohne viel äußeren Prunk die Seelen umgestalten. Unabhängig von der Kirche hat das moderne Theater sich ausgestaltet. Aber auf den Höhepunkten des künstlerischen Schaffens haben Musik, Architektur, bildende Kunst und Malerei es versucht, religiösem Empfinden einen Ausdruck zu verleihen oder auch direkt den protestantischen Kultus zu schmücken. Und das Theater? Schiller stellte ihm die Aufgabe, an der moralischen Erziehung der Menschheit zu arbeiten. Richard Rothe dachte sich sogar als Zukunftsideal: wie die Grenze zwischen Weltlichem und Geistlichem im Protestantismus aufgehoben sei, so werde einst Kultus und Theater in eins zusammenfließen.
Indessen das heutige Theater? Geht die Mehrzahl der Besucher hinein, um moralisch erhoben zu werden oder gar um eine religiöse Weihestunde zu erleben? Man möchte eher Nietzsche recht geben, wenn er sagt: sich an den Werken unserer Klassiker „erbauen" sei ein Euphemismus. Man wolle „sich jenen matten und egoistischen Regungen hingeben, die unsere Konzertsäle und