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Aus Prozessen des Jahres
Störenfried zur Ruhe und Raison zu bringen — durch großmütige Darreichung des alten Gnadengehaltes' aber jeder Staatsmann fürchtet sich vor der Mißdeutung eines solchen Aktes durch den künftigen Nachfolger. So haben die Mächte in Cettinje intervenieren müssen und zwar mit einmütiger Energie, einschließlich Rußland, das angesichts seiner ostasiatischen Sorgen leicht sich in Baltischport zu einer Friedenspolitik auf dem Balkan hat verpflichten können. Das weiß auch der Zar von Bulgarien, dessen Größe in seiner fünfundzwanzigjährigen Regierung darin sich bewährte, immer den richtigen Augenblick an der Stirnlocke zu fassen und festzuhalten; er weiß, daß „sein Moment" jetzt nicht gekommen ist, und er reist ruhig in die Ferien, unbekümmert um die mazedonischen Meetings.
Die Besorgnis bestand nur in der einen Richtung: will die Türkei ihrerseits zur Lösung der inneren Krisis das gesamte Osmanentum gegen einen äußeren Feind führen? Der Italiener stellt sich nicht. Also gegen Montenegro? Ein türkisch montenegrinischer Krieg hätte den Bulgaren, Serben und Griechen zur Schicksalsstunde gerufen — und Österreich und Nußland wären interessiert worden. Die Staatskunst des neuen Kabinettes in der Türkei verzichtet aber auf solche waghalsige Abenteuer und zieht es vor, einen ehrlichen Frieden zu wahren, um endlich Zeit, Ruhe und Kraft zu finden für eine aufrichtige Ausgestaltung des Konstitution a° lismus der neuen Türkei.
Aus Prozessen des Jahres
von Dr. Paul Ernst-Weimar
in Frühling des Jahres 1911 wurde ein Kindermißhandlungsprozeß in Berlin verhandelt, der typisch ist. Nichts kann uns deutlicher den Abgrund zeigen, der unter unserer Kultur sich auftut, wie diese Kindermißhandlungen. Unzählige Jahrtausende haben die Menschen gerungen, sich aus der Gedankenlosigkeit und Roheit des Tieres zu befreien: schon bei dem ersten Aufleuchten der Geschichte, in den alten Zeiten Babylons finden wir ein hohes Sittlichkeitsbewußtsein bei den vorzüglichsten Menschen erreicht, und die ganze bekannte Geschichte der Menschheit scheint nur den Zweck zu haben, dieses Sittlichkeitsbewußtsein in immer größeren Kreisen von Völkern zu verbreiten, indem es gleichzeitig immer rationaler und geistiger gestaltet wird. Da erleben wir, mitten in den Hauptstätten unserer Kultur, Straße an Straße neben der selbstlosen Arbeit des Gelehrten, der Hingebung des Künstlers, der Begeisterung des Gottsuchers, der Hoffnnngsseligkeit des Menschheitsbeglückers Vorgänge, wie sie selbst unter den höheren Tieren nicht beobachtet werden. Alles, was uns menschlich am Menschen erscheint, macht solche Vorgänge unerklärlich, dennoch sind sie nicht durchaus selten.