Ferdinand, Zar der Vulgären
von N), von Massow-Berlin
or hundert Jahren lastete noch der Druck des stamm- und glaubensfremden Osmanentums auf den christlichen Völkern der Balkan- Halbinsel. Das war damals noch jenes Osmanentum, das von der europäischen Kultur nicht nur kaum berührt war, sondern ihr sogar fremd und feindselig gegenüberstand, das von dem rauhen und kräftigen Sinn und dem kriegerischen Geist seiner Vorfahren immer noch genug bewahrt hatte, um selbst nach dem Herabsinken von der stolzen Höhe eines Europa bedrohenden Eroberers den Völkern, auf denen seine schwere Hand ruhte, furchtbar zu sein, — jenes Osmanentum, das durch sein Bekenntnis zum Islam und durch die Kalifenwürde seines Herrschers fest im Orient verankert war und für das Wohl und die Menschenwürde der „Rajah", der unter seiner Botmäßigkeit stehenden andersgläubigen „Herde" nur stolze Verachtung übrig hatte.
Bald darauf legte Sultan Mahmud auf echt orientalisch gewaltsame Weise den Grund zu einer Reform der Türkei. Es hat lange gedauert, bis die europäische Staatenwelt an das allmähliche Europäischwerden der Türkei zu glauben begann. Seltsamerweise ist es dem türkischen Herrscher, der seinem inneren Wesen nach fast mehr als seine nächsten Vorgänger Orientale war, Abdul Hamid dem Zweiten, gelungen, jenen Glauben durch seine eigenartige, in der Rücksichtslosigkeit ihrer Mittel fast dämonisch zu nennende Staatsklugheit zu befestigen. Daß man in Europa wieder mit Achtung und Sympathie auf die Entwicklung der Türkei blickte, daß man in dem osmanischen Türken den „Gentleman des Orients" zu schätzen begann, ist Abdul Hamids unbestreitbares Verdienst. Und doch vollzog sich gerade in dieser Periode, die das Ansehen Grenzboten III 1912 50