Maßgebliches und Unmaßgebliches
„Du willst stärker sein als seine Mutter gewesen ist —" Der Florentin trat durch die Pforte in den Garten und strauchelte noch mal auf der Treppe zum Haus. Wieschen griff nach dem Schlüssel, der auf dem Tisch lag. sie nahm ihn, war mit einem Sprung an der Tür, wäre mit einem zweiten im Flur und mit einem dritten und ein paar letzten in ihrer Kammer gewesen, aber sie zögerte an der Tür, das Bild seiner Mutter lächelte sie an, und sie wich langsam zurück in die Stube bis gegen das Fenster. Sie wollte sich aufraffen und bewegte die Arme, um sie dem Geliebten um den Hals zu legen, wenn er eintrat und auf sie zukam, doch ihr war, das Eisen des Schlüssels zerfließe in ihrer Hand, dringe in ihre Adern und gehe mit ihrem Blute in ihrem Körper um. Sie war schwer und steif mit dem Kopf, in welchem ihr die Gedanken wie Steine lagen, die, wenn sie sich bewegte, gegen ihre Stirn schlugen, und war schwer und steif mit dem Blut, welches ihr wie Eisen durch die Glieder floß. Der Geliebte würde die Braut nicht so finden wollen mit diesem Blut wie Eisen, Da rührte sie sich, wie um sich von sich selbst zu befreien, aber sie sanl nur zurück gegen die Fensterbank und verharrte in dieser Stellung. Sie stand mit ihrem weißen Kleid, dem weißen Gesicht und in kühler ferner Haltung wie eine Eisblume in das Fenster gefroren.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Sozialpolitik
Soziale Pathologie. Nachdem Priester und Medizinmann auf einer gewissen Kulturstufe die Personalunion aufgegeben hatten, durch die die Völker angeleitet und beherrscht worden waren, hat sich eine Hegemonie der Priester herausgebildet. Erst allmählich und dann mit argwöhnischein Erstaunen kamen die Oligarchen zur Erkenntnis, wie ihre Werkzeuge Schritt für Schritt sich die Waffen aneigneten, die sie befähigten, den Einfluß des Priesters unbewußt und bewußt zurückzudrängen. Der Kampf, den die Kirche gleichsam als Standesorganisation der Priester gegen den einzelnen unorganisierten Medizinmann als Träger der Aufklärung Jahrhunderte hindurch geführt hat, vermochte sein Bordringen nicht aufzuhalten. Die Versuche kenntnisreicher Kirchenfürsten, die Naturwissenschaft durch Anerkennung ihrer Bedeutung für die Menschheit der Kirche nutzbar zu machen,
vermochten nur vorübergehend den Einfluß der Priesterschaft wieder zu festigen. Die Anerkennung der wissenschaftlichen Forschung ist vor allem dem Medizinmann zugute gekommen und wir stehen heute vor dem erhabenen Schauspiel, ihn, der vor noch gar nicht langer Zeit als Zauberer verbrannt werden konnte, in seiner Eigenschaft als Arzt nach den Zügeln greifen zu sehen, mit denen die Priester, unterstützt von den staatlichen Juristen, noch heute versuchen, die Völker im Zaume zu halten.
Das Bild der eben angedeuteten Entwicklung schiebt sich vor unser geistiges Auge beim Blättern in Alfred Grotjahns „Soziale Pathologie". (Berlin 1912, Verlag von August Hirschwald, XI und 691 S. Preis 18.- M.) Es handelt sich in dem Werk, wie der Autor selbst sagt, um den „Versuch einer Lehre von den sozialen Beziehungen der menschlichen Krankheiten als Grundlage der sozialen Medizin und der sozialen