(Line Hochschule für großgermanische Aultur
ie Geschichte des Germanentums ist noch nicht geschrieben, dürfte auch sobald nicht geschrieben werden. Und wenn eines Tages der Schriftsteller da ist, der sie zu schreiben unternimmt, dann wird er nicht nur der Anwalt der edelsten Bestrebungen in der menschlichen Kultur sein, er wird auch zum Ankläger werden müssen gegen die Kleinsucht und gegen den Kurzblick ungezählter Geschlechter, die unbewußt die große Aufgabe des Germanentums vertraten, die aber nicht die Schranken niederzwingen konnten, die Brudervolk von Brudervolk schieden.
Von allen Völkersamilien ist die germanische am weitesten und gründlichsten auseinandergekommen. Seit dem Beginn unserer Zeitrechnung ziehen ununterbrochen die Völker fort aus der alten nordischen Heimat, um nach einer kurzen Zeit der Selbständigkeit in den brandenden Wogen fremden Volkstums unterzutauchen. Verweht sind die Spuren der Wandalen, verschwunden die West- und Oftgoten, die Langobarden, Gepiden, Heruler, die salischen Franken, Burgunden und andere Stämme, die tatensroh das Erbe der antiken Kultur antraten. Untergegangen ist der Kulturbesitz, den sie aus der Heimat mitbrachten; das Emporstreben der eingeborenen Bevölkerungen hat ihn aufgezehrt und mit ihm, was an jugendlicher Kraft und Gesundheit in die fremden Gefilde getragen worden war. So gründlich ist dieser Aufsaugungsprozeß vor sich gegangen, daß man den Germanen jede eigene Kultur glaubte absprechen zu können. Nur die Angelsachsen haben sich in ihrer neuen, meerumgürteten Heimat erhalten, fortentwickelt und neue Kolonisationszüge in die gigantisch erweiterte Welt hinausgesandt. Die Völker, die in der Heimat blieben oder wenigstens den Zusammenhang mit ihr nicht verloren: die Skandinavier, Dänen, Holländer, Deutschen. Deutsch-Österreicher, Schweizer, Nordamerikaner sind dagegen einander fremd geworden; sie haben wohl auch in blutiger Fehde die Waffen gegeneinander gekehrt, sich geschwächt und fremden Einflüssen unterworfen.
Grenzbuten III 1912 2S