Deutschland und Schweden
ufmerksamer Betrachtung der Geschichte des europäischen Mächte- gefüges wird nicht entgehen können, welche ganz besondere Wesensart die Betätigung jeuer Staaten auszeichnet, die man mit den: an sich farblosen, aber altgewohnten Sammelnamen Skandinavien zu bezeichnen pflegt. Genieinsam nämlich ist ihnen allen dreien — sobald sie ein einigermaßen ausgeprägtes staatliches Bewußtsein erlangen — das Bestreben, die Ungunst ihrer abseitigen Lage wettzumachen und aktiven Anschluß an das Leben des Kontinents zu gewinnen. In der Art aber, wie dieses Bestreben zu Taten wird, zeigt sich von Anbeginn eine so tiefgreifende Verschiedenheit an Charakter und Temperament, daß es verwunderlich erscheint, wie zusammenfassende Gebilde in der Art der Kalmarer Verbindung (1397) oder der schwedisch-norwegischen Union überhaupt viele jahrzehntelang bestehen konnten.
Dänemarks Politik nämlich ist, sobald sie international wird, eine mit mehr oder weniger gewaltsamen Mitteln betriebene Durchsetzung dänischer Volkswirtschaft gegen ausländische, zunächst hanseatische Bedrückung; nachdem die wikiughafte Frühzeit mit ihren Zügen nach England und nach dem baltischen Osten vorüber ist, drehen sich die dänischen Kriege zumeist um Handelsprivilegien. um Zölle im Sund, schließlich um Einhaltung der Kontinentalsperre, abgesehen natürlich von denen, die aus Zwang zur Verteidigung unternommen wurden. Die Eifersucht Dünemarks zunächst gegen die Handelsblüte der Hansa im Ostsee- Gebiet, dann gegen die Hamburgs ist seit dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ein wichtiges Motiv seiner Politik. Sie kennzeichnet sich demnach als nüchtern wägend, schrittmeis und ihren Mitteln gemäß vorrückend, als zweckmäßig fundiert, praktisch und im besten Sinne bürgerlich/")
") Es ist wenig bekannt, und Wohl erst von Ehrcnberg in seinem „Zeitalter der Fugger" (Jena 1886) festgestellt, daß im sechzehnten Jahrhundert die Kapitalisten und Anleihegeber großen Stils nicht — wie in: Süden — bürgerliche Kaufleute waren, sondern die berühmtesten dänisch.holsteinischen Adelsgeschlechter.
Grenzboten II 1912 76