Türkische Richtlinien
von Dr, L, Jäckh-Berlin
n der Hochsaison der jungtürkischen Revolution, im Juli 1908, war es — da hörte ich in Konstantinopel wie in Kleinasien in frohen Volksversammlungen die mißtönigen Rufe: „Nieder mit Deutschland! Es lebe England!" Deutschland, der „Freund des alten Sultans", erschien damals der urteilslosen Masse als der „Feind der jungen Türkei". Droben aber über Konstantinopel, im beherrschenden Botschaftcrpalast, saß ruhig der deutsche Staatsmann Marschall von Biberstein, lächelte still und wußte bestimmt, daß die Entwicklung der Dinge und die Logik der Interessen auch jungtürkische Zweifler von der Tatsache werden überzeugen müssen, daß die englische Politik sich nur scheinbar gegen die Person des Sultans Abdul Hamid richtete nnd daß sie in Wirklichkeit eine Schwächung der Türkei überhaupt zum Ziele hat.
Und abermals erlebte ich solche Szenen — drüben in Saloniki — ein Jahr später, nach der Annexion Bosniens durch Österreich; wieder wollte das kaum neukeimende Vertrauen zu Deutschland in Enttäuschung und Verdächtigung umschlagen, gegen Deutschland, den „Freund Österreichs", dieses „Feindes der Türkei", und wieder konnte in Konstantinopel Marschall von Biberstein die fragende Erregung beruhigen und befriedigen.
Mit dem Barometer der unverantwortlichen Volksstimmung in Konstantinopel ist in diesen vier Jahren seit dem Beginn der jungtürkischen Ära auch die öffentliche Meinung in Europa parallel gegangen — gestiegen und gefallen: bald klagten die literarischen Wortführer der englisch-französisch-russischen Tripleentente über eine Hegemonie Deutschlands am goldenen Horn, bald glaubten deutsche Patrioten den „Bankerott der deutschen Orientpolitik" in Konstantinopel betrauern zu müssen.
Grenzbotcn II 1912 64