Theodor Montanes Briefe
von j)nvcitdc>zent 1)7. l^erniann Schneider-Bon»
a, was heißt Briefschreibetalent! Es ist damit wie mit allem; eine Norm gibt es nicht. Der kleine Notizenbrief kann sehr nett sein, und ich kann mit Vergnügen lesen, daß der Kanarienvogel zwei Eier ausgebrütet hat, oder daß Fips zweimal geschoren wurde, erst halb dann ganz —" Wer an Fontanes Briefe in der Erwartung herantritt, große dichterische Konfessionen, spannende Beiträge zur Geschichte eines interessanten und vielbewegten Lebenslaufes zu finden, wird nicht ganz auf seine Rechnung kommen. Zwar ist ihm auch jene zweite Gattung des „Talent LpiZwIairs", die er im Anschluß an die eben zitierte Briefstelle anführt, „Reflektionen, philosophische Betrachtungen, Bilder, Vergleiche, Angriffe und Verteidigungen" nicht versagt, aber im ganzen verzichtet er auf die billige Gelegenheit, in Briefen als literarische Autorität zu orakeln, vor allem in der Familienkorrespondenz, wo er ernste Probleme nur erörtert, um sofort, des trockenen Tones satt, von dieser und jener Kleinigkeit, sei es „vom NichtVorhandensein eines guten Bieres oder von der Grobheit eines gestern entlassenen Dienstmädchens" — ein wahres Musterthema, wie er selbst sagt — aus eine Weise zu erzählen, die den Leser mehr fesselt, als es vielleicht fortgesetzte literarische Auseinandersetzungen vermöchten. Aus den Berichten an die Familie spricht zumeist weder der Poet noch der Kritiker, sondern lediglich Theodor Fontane der Mensch, und dieser war zweifellos das allerbeste an ihm. Deshalb ist es gerade bei ihm von hohem Wert, daß der Nachwelt oder vielmehr all denen, die ihm ferne standen, ein klares und nach Verdienst sympathisches Bild seiner Persönlichkeit überliefert wird, nicht als Ergänzung zu seinen Werken, sondern als dasjenige, was von ihm hauptsächlich gekannt zu sein verdient. Es ist nicht zu leugnen, daß seine literarische Einschätzung durch den persönlichen Eindruck, den eine ganze Reihe von maßgebenden kritischen Persönlichkeiten namentlich Berlins von ihm empfangen haben, beeinflußt worden ist; daß, wer Fontane kannte und hochschützte, auch Romane hochschätzen mußte, in denen sich der ganze Fontane kundtat und aussprach, ist verständlich. Verblaßt diese Erinnerung einmal, dann könnte die literarische Kritik leicht in den entgegengesetzten Fehler fallen. Die veröffentlichte Korrespondenz