Aus der deutschen Bergarbeiterbewegung
von Dr. Hugo Böttger-Berlin, m, d, R.
rbeiterbewegungen im Kohlenbergbau erschüttern die Volkswirtschaft deswegen so stark, weil ohne Kohlen Hunderttausende von gewerblichen Arbeitsstätten geschlossen werden müssen, und weil ohne Kohlen der Verkehr sich wieder ans die primitiven Formen der Postkutsche zurückentwickeln muß. Ein internationaler Kohlenarbeiterstreik mit voller Wirksamkeit müßte die internationale Arbeitsstockung znr Folge haben, jedenfalls den größten Teil der gewerblichen Arbeit stillegen, denn mit alten Zeitungen und Stuhlbeinen kann man nur sehr kurze Zeit die Dampfkessel heizen. Darum ergreift auch kein Niesenstreik, sei es etwa in der Metallindustrie oder im Verkehrsgewerbe, so tiefgehend die öffentliche Meinung wie ein Kohleuarbeiterausstcmd im Ruhrrevier. Von dort, aus dem Oberbergamtsbezirk Dortmund, erhalten wir 58 Prozent der deutschen Stemkohlenförderuug. Bleibt der Ausstand nicht isoliert, mischen sich auch noch zwischenstaatliche Tendenzen ins Spiel, dann ist eine volkswirtschaftliche Katastrophe nahe, die keinen Mitlebenden unberührt läßt und jedem auch ein vorschauendes Interesse abnötigt.
Seit 1905 hatten wir, von kleinen partiellen Erhebungen und Lohnforderungen abgesehen, keine große Bergarbeiterbewegung mehr gehabt. Damals waren Zechenstillegungen. Arbeiterentlassungen, Arbeitszeitverlängerung, Wagen- nnllen und Lohnstreitigkeiten die Gründe der Unzufriedenheit; und die öffentliche Meinung stand so sehr aus selten der 270000 Streikenden, daß manche Stadtverwaltung, der evangelisch-soziale Kongreß u. a. öffentlich für sie sammelten und der Erzbischof von Köln den christlichen Gewerkschaften 1000 Mark spendete. Der Streik von 1905, an dem alle Verbände der Bergarbeiter beteiligt waren, der wohl über 9V Prozent der Belegschaften erfaßte, hatte etwas länger als drei Wochen gedauert; bis zum Schluß waren die Zechenverwaltungen der Grenzboten II 1912 7