Maßgebliches und Unmaßgebliches
Bildnngswesen
Die Hochflut der Angriffe auf unsere hinimllistische Bildung, dieses Wahrzeichen und Palladium aller höheren Geisteskultur der abendländischen Welt, hat abgeebbt. Auf der einen Seite haben sich weite .Kreise der Nation, und zwar nicht zuletzt auch in den praktischen Berufszweigen, unzweideutig zu der Überzeugung bekannt, daß wir jenen alterprobten Bildungsweg nicht verlassen können, ohne uns selbst schwer zu schädigen; auf der andern Seite haben die Vertreter der Philologie längst die bessernde Hand angelegt, um in Wissenschaft und Schule die Violfach verlorengegangene Fühlung zwischen den Atertumsstudien und der Gegenwart herzustellen. Sehr groß ist die Anzahl der literarischen Erscheinungen, die es sich zur Aufgabe gesetzt haben, dem modernen Menschen das Erbe der Vergangenheit nahezubringen und zuzueignen. Zwei Bücher möchten wir hierherausgreifen; das eine stammt aus der Feder Robert V.Pöhlmanns,des antiken Historikers an der Universität München: Aus Altertum und Gegenwart (München, Beck). Schon die erste Abhandlung „DaS klassischeAlter- tum in seiner Bedeutung für die politische Erziehung des modernen Staatsbürgers" eröffnet weite und fruchtbare Gesichtspunkte. In ein uns heute wieder auf die Nägel brennendes soziales Problem führt uns die Schilderung der Wohnungsnot in den antiken Großstädten, und mitten in dieAuseinandersetzung zwischen Agrar- und Industriestaat hinein versetzt uns die Darlegung über Tiberius Gracchus als Sozial-- reformer. Ein Aufsatz wie der über das „technische" Jahrhundert ist geeignet, auch dem unbedingtesten Anhänger Ostwalds und seiner Gefährten die Augen zu öffnen über die kimmer- ische Öde einer rein auf mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlage aufgebauten Weltanschauung. Was uns das „Sokrntesproblem" zu sagen hat, ermißt man sofort, wenn man sich nur erinnert, daß das gesamte Denken
Fr. Nietzsches und seine Stellung zur historischen Romantik orientiert ist nach der Frage seines wechselndenVerhältnisses zu dem großen Nationalisten und Sophisten des fünften vorchristlichen Jahrhunderts. Was wir Heutigen alles aus der Betrachtung der Antike lernen können, führt in geradezu packender Anschaulichkeit der letzte Beitrag vor: Über die Geschichte der Griechen und das neunzehnte Jahrhundert. Wir sehen hier, wie sich je nach der Einstellung des Auges auf den ästhetisch-klassizistischen Blickpunkt Goethes oder den demokratisch-liberalen Grotes oder den Historisch-Psychologischen der neuesten Forschung die Perspektive des Bildes verschiebt, daS wir uns vom Hellenentum machen, und wie die Schwankungsbreite der Wertung den rosenroten Optimismus von Schillers Gedicht „Die Götter Griechenlands" einerseits, den schwarzseherischen Pessimismus in Jakob Burckhcirots „Griechischer Kulturgeschichte" anderseits einschließt.
An das Publikum im weitesten Sinne wendet sich P. Ccmer in seinen Vorträgen über „Das Altertum im Leben der Gegenwart" („Aus Natur- und Geisteswelt", 3S6. Bändchen, Teubncr, Leipzig 1911). Entgegen dem Bestreben, im Altertum mit einseitiger Betonung immer nur das Abgeschlossene, Gleichartige hervorzuheben, macht der um die Aussöhnung der Altertumswissenschaft mit der Neuzeit hochverdiente Verfasser Ernst mit der Durchführung des Entwicklungsgedankens und der Anwendung freiester Kritik auf die Antike, deren tatsächlichen Kern wir ebenso aus der Hülle des Dogmas herauszulösen hätten wie den des Christentums. Ccmer hat den Mut der Forderung, daß auch in der Schule die sicheren Ergebnisse rückhaltlos mitgeteilt werden und alle angeblich pädagogischen Umdeutungen unterbleiben sollen; auch hier wünscht er im Sinne des Schillerschen Idealismus „Erziehung zur Freiheit." Unter diesen Gesichtspunkten führt er die verschiedenen Gebiete des antiken Schaffens in Literatur, Religion, Kunst, Wissen-