Ungarn, Deutschland und Deutschtum
von (Lmil Nengeboren-Bndapest Mitglied des ungarischen Abgeordnetenhauses
ie allgemeine These, die ich meinen Erörterungen voranstelle, wird wohl von allen Seiten anerkannt werden: in einer Zeit, in der die Stellung der Mächtegruppen zu einander immer schroffer wird, bedarf jedes vorhandene Bündnisverhältnis der Festigung, innerer Ausgestaltung und größter Vertiefung. Wo jeder Tag den vor Iahren oder Jahrzehnten geschlossenen Bund zwischen Staaten und Völkern in der furchtbarsten Weise aktuell machen kann, da ist es doppelt notwendig, ihn aus der Sphäre rein diplomatischer und politischer Berechnung auch in die tieferen Regionen des Volksempfindens hinabsteigen und dort heimisch werden Zu lassen. Wohl ist die Verwandtschaft oder Gleichheit der Interessen das Ausschlaggebende bei internationalen Verträgen und Bündnissen. Aber die Empfindungen, die Völker einander auch außeramtlich entgegenbringen, tragen wesentlich zu der Erkenntnis bei, welcher Grad von Klarheit über die gründ- legenden Interessen im öffentlichen Bewußtsein herrscht. Sie schaffen die psychologischen Vorbedingungen für die Festigkeit und Dauer der getroffenen politischen Vereinbarungen. Es liegt nahe genug, hier an das Verhältnis Zwischen Österreich und Italien zu denken, wo die Inkongruenz zwischen amtlicher Bündnispolitik und Volksstimmung leider erschreckend groß ist, und wo es einer unausgesetzten Arbeit der Beschwichtigung und des Ausgleiches von beiden Seiten her bedarf, die der des Sisyphus verzweifelt ähnlich sieht. Ich möchte einen weniger schwierigen und nicht so undankbaren Stoff behandeln: das innere Verhältnis zwischen meinem Vaterland Ungarn und dem Deutschen Reich.
Auch zwischen diesen Gliedern des Dreibundes ist der Zusammenhang der Gefühle noch nicht so groß, daß er nicht noch gesteigert werden könnte, nicht groß, wie es dem historischen Verhältnis zwischen Deutschtum und Magvarentnm
Grenzboten I 1912 64