Idealismus und Realismus
von Prof. Dr. Ernst Dürr-Bern
er im Alltagsleben Idealist genannt wird, der kann nicht immer ganz sicher wissen, ob er das sür ein Lob oder für einen Tadel nehmen soll. Die Menschen verstehen ja unter den: Wort Idealist und Idealismus durchaus nicht alle dasselbe, und auch diejenigen, die es in der gleichen Bedeutung verwenden, nehmen zu dem damit Bezeichneten oft in geradezu entgegengesetzter Weise Stellung.
Der Idealismus ist für viele eine durch Ideale bestimmte Lebensrichtung. Wer unzufrieden ist mit den Mängeln der Wirklichkeit und die Welt verbessern möchte, wer nicht in sattem Behagen schwelgt darüber, wie er es schon so herrlich weit gebracht, wer vielmehr rastlos strebend sich bemüht, der heißt den allermeisten ein Idealist.
Aber auch der kampflos abseits vom Leben Stehende, der Träumer und Sterngucker, der sich aus der rauhen Wirklichkeit in die friedlichen Gefilde der Ideenwelt flüchtet, wird nicht selten Idealist genannt. Idealismus heißt der arglose Kinderglaube, den mancher Greis mit jugendlichem Gemüt zeitlebens nicht verliert, der Glaube, daß das Leben nicht ein Kampf mit widerstrebenden Gewalten, sondern eine freundliche Fügung sei, daß denen, die nicht nach dem Irdischen trachten, alles zum Glück Erforderliche von selbst zufallen werde.
Wer unter dem Idealismus eine durch Ideale bestimmte Lebensrichtung versteht, der wird darin etwas Löbliches oder etwas Tadelnswertes finden, je nach seiner eigenen Welt- und Lebensanschauung. Der Philister, dem alles Bestehende durch Gewohnheit und Herkommen geheiligt ist, kennt nichts Ver- abscheuungswürdigeres als das Streben nach Weltverbesserung. Wer überzeugt ist, daß alles Vernünftige wirklich und alles Wirkliche vernünftig sei, daß Gott die Welt vollkommen geschaffen habe und daß an göttlichen Institutionen nicht gerüttelt werden dürfe, der ist ein abgesagter Feind des himmelstürmenden Idealismus. Wer dagegen von Entwicklungsgedanken ergriffen ist und in der Geschichte nicht den Ausfluß einer bestehenden, sondern den Quellstrom einer werdenden Vernunft zu erkennen glaubt, der wird es mit den Faustnaturen halten, die voll Verachtung gegen das satte Philistertum des Lebens höchste Werte in der Zukunft suchen.