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Prophet oder Künstler? : Betrachtungen zu Gerhart Hauptmanns "Emanuell Quint"
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Die Landmauern des alten Konstantinopel

uns lediglich an seinem Kunstwerk freuen? Wer spricht hier: Prophet oder Künstler?"

Die Beantwortung dieser Frage wird dem Leser nicht leicht. Denn erstlich handelt es sich bei den religiösen Fragen, die Hauptmann auf intuitivem Wege zu beantworten unternommen hat. um ein Gebiet, das uns alle heute aufs intensivste angeht und interessiert, anderseits stehen wir vor Hauptmann als vor einem Künstler, der seine Meisterschaft schon öfter und hier gerade dadurch bewiesen hat, wie er die religiöse und die künstlerische Intuition und ihre verschieden gerichteten Tendenzen in eine Art Gleichgewicht gesetzt hat. Die uns aufs Praktische mit fortreißende Gewalt der religiösen Gedankengänge dämpft, reinigt und mäßigt ständig die ruhige und überlegene Gewalt des Künstlers.

Die Landmauern des alten Aonstantinopel

Von Max Larsen-Konstantinopel

! as haben wir uns in der Schule viel um byzantinische Geschichte bekümmert! Einige ruhmreiche Herrscher und ein paar tüchtige Waffengänge wider einfallendes Volk vom Osten, aber im übrigen: Untüchtigkeit, Schlaffheit, Grausamkeit und als unmittelbare Folge Aufruhr und Mord, daneben ununterbrochene Streitigkeiten um theologische Fragen I

Wer die alten Landmauern Konstantinopels gesehen hat, lernt anders urteilen. Ein Zeitalter, das ein solches Denkmal schaffen und erhalten konnte, muß groß gewesen sein. Das ganze Osmanentum seither hat nicht ein einziges Werk von so monumentalem Charakter aufzuweisen gehabt.

Vom Marmarameer zum Goldenen Horn, Konstantinopel umspannend, eine gewaltige fast siebentausend Meter lange Doppelkette von zwei Mauern und einer Brustwehr, dazwischen zwei breite Erdwälle und davor ein tiefer Graben, gegen zweihundert Türme als finstere Wächter, das ist das Werk des Theodosius und zweier späterer Kaiser. Seit fünfzehnhundert Jahren steht es da in wilder Ein­öde, wo uralte Platanen im Sturm rauschen und einsame CyPressenwälder klagen, weite Strecken in Trümmer gesunken, Türme bis in den Grund geborsten, und überall zwischen den Zinnen wuchert Efeu und wilder Lorbeer.

Da draußen vergissest du die Jahrhunderte und bist im Byzanz des Theodosius oder Justinians. An deinem geistigen Auge ziehen die Bilder großer Tage vor- über, und zum Schluß bleibt die eine Frage: Wie hat ein solches Wunderwerk überhaupt bezwungen werden können?

Bis in das Jahr 413 zurück geht seine ruhmreiche Geschichte. Ein halbes Jahrhundert nur war seit der Gründung Konstantinopels verflossen, aber die Stadt hatte so schnell an Wachstum zugenommen, daß schon unter Theodosius dem