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Prophet oder Künstler? : Betrachtungen zu Gerhart Hauptmanns "Emanuell Quint"
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Prophet oder Aünstler?

Betrachtungen zu Gerhart HauptmannsLmanuel iZZuint" von Dr, W, Warstat-Altona

! s gibt mancherlei Beziehungen, sogar mancherlei Analogien zwischen ! Religion und Kunst, zwischen den: intuitiven Schauen des Künstlers und dem intuitiven Erkennen des religiös Begeisterten; diese . Beziehungen sind mir aber noch nie so deutlich und mit solcher l Kraft ins Bewußtsein getreten wie bei der Lektüre von Gerhart Hauptmanns RomanDer Narr in Christo Emanuel Quint". Daher kann die Betrachtung gerade dieses Romans sehr gut dazu dienen, um die psychologischen Beziehungen zwischen Religion und Kunst, um vor allen Dingen eine wichtige Grenzfrage zwischen Religion und Kunst klarzulegen, nämlich das Problem des intuitiven Erkennens.

Das intuitive, unmittelbare und gefühlsmäßige Erkennen spielt in der Psyche, in dem seelischen Mechanismus des religiös Begeisterten, des Propheten, eine gleich wichtige Rolle wie in der Seele des Künstlers; vielleicht ist nur die letzte Richtung dieser Erkenntniskraft, ihr letztes Ziel und ihr letzter Blickpunkt bei beiden verschieden. In beiden wirkt sie aber gleich mächtig und zieht durch ihre intensive Beteiligung und Beeinflussung des Gefühlslebens in ungleich stärkerer Weise die ganze Persönlichkeit mit allen ihren Kräften in ihren Bereich, als es die auf sinnliche Daten gestützte, verstandesgemäße Erkenntnis je tun kann.

Gerhart HauptmannsEmanuel Quint" ist nun das Produkt aus dem Zusammenwirken beider Spielarten des intuitiven Erkennens, des religiösen und des künstlerischen. Hier wird ein Prophet und seine religiöse Intuition dar­gestellt durch einen Künstler mit Hilfe der künstlerischen Intuition. Was diese Tatsache für unseren Zweck alsFall", als typisches Musterbeispiel, bedeutet, das ist ohne weiteres klar.

Das Grundproblem in Hauptmanns Werk ist ein religiös - ethisches. Es könnte, kurz und alltäglich gefaßt, etwa lauten:Wenn heute Christus wieder geboren würde, wenn er sein Leben noch einmal leben würde, so würde er genau dasselbe Schicksal haben, so würden dieselben Mächte in ihm, mit ihm