Die deutsche Weltpolitik und England
ährend in Deutschland die Erregung gegen die britischen Vettern fast noch in unverminderter Stärke andauert, ist in England ein bemerkenswerter Umschwung der Stimmung eingetreten. Erst kürzlich führte Sir Frank Lascelles, der frühere britische Botschafter in Berlin, in einer zu Glasgow gehaltenen Rede aus: „Der Argwohn und das Mißtrauen gegen Deutschland, die hier noch vor kurzem herrschten, haben in erheblichen: Maße nachgelassen, und ein beträchtlicher Teil der öffentlichen Meinung wünscht ernstlich und aufrichtig eine Wiederherstellung guter Beziehungen zwischen beiden Ländern." Sir Frank Lascelles sprach im Namen der englisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft. Dieser Umstand schwächt die Bedeutung der Rede nicht ab, wie in Deutschland vielfach angenonmmen wird. Die Ansicht, daß die Gesellschaft vorwiegend aus extremen Radikalen, Pazifisten und „Crcmks" bestehe und darum politisch nicht ernst zu nehmen sei, beruht auf falschen Voraussetzungen. Zu den Vizepräsidenten gehören die Spitzen der anglikanischen, schottischen und katholischen Kirche wie die Lordmanors von London und der andern großen Städte Englands und Schottlands. Unter den Mitgliedern des „General Council" befinden sich konservativeAristokraten wiedieHerzoge vonAbercorn, SoutherlandundDevonshire; ferner drei Mitglieder der letzten unionistischen Regierung, nämlich Lord Midleton, Sir Edward Carson und Sir William Anson; zwei frühere permanente Unterstaatssekretäre des Foreign Office, Lord Sanderson und Lord Hardinge of Penshurst. der gegenwärtige Vizekönig von Indien; Vertreter von Heer und Flotte wie Feldmarschall Grensell, Lord Methuen und Lord Charles Beresford; der Sprecher des Unterhauses und der Begründer des „NavalAnnual" Lord Brassen.
Das sind keine extremen Radikalen, Pazifisten und „Cranks". Bedeutet schon die lange Reihe repräsentativer Namen, von denen die obigen nur eine kleine Auswahl bilden, an sich eine gute Rüstung für die Kampagne, die die Gesellschaft
Grenzbotm I 1912 46