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Eine deutsche katholische Kirche
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Gine deutsche katholische Rirche

Von A. Berg

!st es der richtige Augenblick, heute an diese große Frage heran­zutreten? Wir meinen ja. Auf diesen wundesten Punkt in Deutschlands Geschichte kann und muß jederzeit und immer wieder ! hingewiesen werden. Jeder Augenblick ist der richtige. Und je öfter man es tut, um so größer ist die Aussicht auf Erfolg. Denn eine so tief in alle Verhältnisse der Nation und des Reiches hivein­greifende Frage kann nie und nimmer auf den ersten Anhieb gelöst werden. Luther wäre es auch nicht gelungen, die Reformation herbeizuführen, wenn nicht schon Huß und andere vor ihm ähnliches versucht hätten. Darum dürfen uns auch die gescheiterten Versuche der Altkatholiken und Deutschkatholiken und ähnlicher Bewegungen nicht mutlos machen. Sie müssen uns im Gegenteil zu immer erneuten Vorstößen anfeuern.

Ist es klug, gleich auf das Endziel hinzuweisen, gleich alle Karten auf­zudecken? Auch das will erst erwogen werden. Wir müssen auch diese Frage bejahen. In unserem Zeitalter der Eile find wir nur zu leicht geneigt, schwere politische Krankheiten durch kleine, nur im Augenblick und nur scheinbar helfende Mittel zu bekämpfen. Wenn es uns z. B. im Wahlkampfe gelungen ist. die Stimmenzahl unserer Gegner herabzndrücken, so glauben wir schon, wir hätten sie ausgerottet. Dabei haben wir oft noch gar nicht einmal die Wurzel des Übels erkannt, das wir beseitigt zu haben glaubten. Lassen wir diese aber sitzen, so wächst uns die Pflanze immer wieder über den Kopf. Darum gilt es gerade heutzutage in so wichtigen Fragen, wie der vorliegenden, gleich auf die tiefsten Ursachen hinzuweisen. Denn sonst verwickeln wir uns immermehr in kleinliche Kämpfe, und vergeuden in ihnen unnütz unsere Kraft, ohne aus dem Sumpfe, in dem wir stecken, herauszukommen.

Grenzboten I 1912 39