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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Schöne Literatur

Der goldene Spiegel. Erzählungen in einem Rahmen von Jakob Wassermann. Berlin 1911. S. Fischer, Verlag.

Jakob Wassermann, dessen bisheriger Weg von großer und detaillierter Gestaltung lebendiger Umwelt zu eben solcher Nachschaffung historischer Charaktere, Reiche und Zeiten führte, hat sich nach nochmaligem Versuch der Unterwerfung gegenwärtigen Lebens (Die Masken Erwin Reiners") mit dem vorliegenden Buche außerhalb der von ihm am leidenschaftlichsten umworbenen Form des Romans gestellt und gleich in so entschiedener, so mit frischen, reichen Kräften gesammelter Art, daß man es als Beginn einer völlig neuen Schaffensperiode in seinem Werk Wohl ansehen darf.Der goldene Spiegel" ist eine Novellensammlung, von einem einheit­lichen Rahmen eingeschlossen, der selbst einen kleinen Roman darstellt, in den eigentlichen Inhalt des Buches eingreift, es beendet, ihm Resonanz gibt, so daß ein viel mannigfaltigerer Eindruck zurückbleibt, als ihn auch der handlungsreichste und Verwickelteste Roman auszuüben imstande wäre. Es sind von diesem Nahmen umspannt vielleicht an hundert Geschichten, große Novellen, kleinere Er­zählungen, Schicksale, Begebenheiten, Anek­doten, die oft kaum mehr als fünf Zeilen umfassen. So ist lebendiges Leben aller Arten geschildert; der goldene Spiegel hält die Welt;seine Scheibe", so sagt einer der Erzähler an: Schlüsse des Buches,gibt kein Gegenbild des Auges, das hinein schaut. Sie ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr.

Frauen und Männer, Tiere, Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der Traum und das Wunder, all das ist in ihr". Die Bilder folgen einander mit einer oft geradezu kinemaiographischen Schnelligkeit, zwar nicht die großen; deren Eindruck erlebt man mit den erdichteten Zuhörern mit, und es fallen in den Diskussionen über die menschliche Bedeutung des Vernommenen Worte von seelischer und geistiger Tiefe, die dem Buche zum Reichtum den Gehalt geben. Dies schon fiel anErwin Reiner" auf. Immer deutlicher strebt die dichtende Kraft Wassermanns, der sich auch eine starke denkende beigesellt, zu einer reinen Ordnung des Lebens. Dem Erzähler genügt die Begebenheit an sich nicht mehr: er entleiht dein Leser ein Stück der Wirkung und nimmt so auf die unauffälligste Weise nicht etwa eine belehrende aber doch eine bildende Tendenz auf, die Packt, stutzig macht, und die man auf das eigene Leben beziehen kann, so daß zu der reinen Unterhaltung des Lesens auch ein ethisches Moment tritt, das jener erst den ganzen Wert zuspricht. Dazu möge man die Vorzüge des Stils beachten, diese zwar kalte, aber überaus wohlklingende, sicher gesetze, präzise, überall treffende Sprache, die nichts so verleugnet wie die Phrase und sich lieber des vielgebrauchten als des un­fruchtbar schmückenden Ausdrucks bedient. Manchmal zwar würde man eine heftigere Leidenschaftlichkeit in dieser souverän einher-