Sprachwandlungen
187
>1on me tenent vmeuls, I^lon me tenet cwvis, (Zusero milii similes Lt aäiun^or pravis.
k^eror eZo veluti Line nauts nsvis: llt per viss ssris VsZa kertur svis.
Wie ein lenkerloses Schiff Streich ich durch die Wellen, So wie Vöglein ohne Last Durch die Lüfte schnellen. Riegel nicht und Schlüssel nicht Können mich umstellen, ! Und wer leicht und lustig ist, Darf sich niir gesellen.
Oft liegt auch heute noch für das Sprachgefühl einzelner Mundarten oder der daraus schöpfenden Dichter der alte Sprachstamm, wenn auch nicht immer deutlich, zugrunde. Man fühlt vielleicht noch das gotische bairan, „tragen", in fruchtbar, Bahre und gebären, das gotische Mma, „Mann" (lateinisch Komo), in Bräutigam, das englische snsre, „Anteil", in bescheren, oder wenigstens das Wort „braten" in Wildbret, die Verwandtschaft mit „gehören" in Behörde und die Bedeutung des «v--, „gegen", in Antwort.
Manchmal gestaltet allerdings die keck und phantasievoll zugreifende Volksetymologie aus dem griechischen -X^o-v^ ein „Almosen", während sie aus der wörtlichen Übersetzung „armherzig" für misericorZ ein „barmherzig" oder gar aus srcubslista das Wort „Armbrust" macht.
Im allgemeinen wird für die Bildung eines Wortes das zunächst sich bietende Material nach dem Nützlichkeitsstandpunkt verwendet, und auch hierbei wird oft altgeprägtes Sprachgut eingeschmolzen. „Behende" ist, was „bei der Hand" ist, bequem (vergleiche englisch comel^) was gerade „kommt", behaglich was „naM" (altnordisch „geschickt", vergl. ImZar, anordnen) sein will. „Bieder" (bickerbe) ist das, dessen man bedarf.
Auf die Namen der Orte, Flüsse, Berge möchte ich hier nicht eingehen: sie sind (meistens im Norden) slawisches, litauisches, jedenfalls fremdsprachliches Eigentum oder manchmal (so besonders in Mitteldeutschland) gelehrte Umbildungen alter Benennungen, wie etwa das griechisch-lateinisch klingende Jena, und fast nur in Oberdeutschland läßt sich die Verwandtschaft, etwa mit Ache (-^ acma, Wasser) in Salzach, oder mit „Mönchen" in München sofort lückenlos klarlegen.
Charakteristisch aber ist es, welche Anstrengungen die nur an das Guts glaubende Sprache macht, um den Begriff des Schlechten auszudrücken. Schlecht ist, was eigentlich nur „schlicht", was schlecht und recht ist, „unangenehm", was schlecht zu nehmen, „anrüchig" das, von dem ein schlechtes Gerücht geht. Auch „unartig", was keine „Art" (Ackerung von lat. arare, pflügen) hat, ist noch sehr wohl zu verstehen. Hieran aber schließt sich der auffälligste Bedeutungswandel. Ein Elender ist nicht mehr der unglückliche, aus dem Lande vertriebene Flüchtling, er wird ein Schurke. Man denke etwa an die Herabsetzung der Worte Bube (Knabe, dann Schuft), Knecht (der nicht Edele), Dirne; oder an den ähnlichen Vorgang in anderen Sprachen (italienisch cattivo, altfranzösisch cmetik oaptivuZ, der Gefangene). In Trunkenbold und Raufbold liegt ebensogut wie in den Namen Humbold und Balduin das alte balcl (englich bolcy, kühn, zugrunde. Am auffälligsten aber ist die Verkehrung von gutem zu schlechtem in „albern" (althochdeutsch alanari ^- „allwahr", freundlich, ohne Falsch).