(Larl Hauptmann
von Dr. Heinrich Spiero-Hamburg
I urch die Geschichte der dramatischen Dichtung Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert geht als eines der schwersten Probleme der Kampf um die Bezwingung der Masse als Mitspieler. Nicht darum handelt es sich dabei, wie das Volk an sich auf der Bühne zu verwenden ist, sondern darum, wie es selbst handelnd eingreift, nicht Begleiter, sondern Bereiter der Handlung, nicht Sprecher, sondern Täter. Es ist klar, daß mit der französischen Revolution und mit dem Aufsteigen gesammelter Volkskräfte in Mittel- und Westeuropa diese schwere Frage den dramatischen Dichter immer schärfer um Beantwortung angehen mußte. An der Wende der Jahrhunderte schuf Schiller den „Wallenstein" und griff gleich mitten hinein, auch hier immer wieder der unvergleichlich Größte, indem er aus der Fülle der im Lager wimmelnden Gestalten erst den Helden emporwachsen ließ. Ihm freilich die nach außen geschlossene Macht einer in sich doch wieder hierhin und dahin strebenden Menge selbständig gegenüberzusetzen, hätte er wohl erst im „Demetrius" errungen, dessen Abbruch durch das Geschick gerade auch aus diesem Grunde immer wieder tief zu beklagen ist. Heinrich v. Kleist hat sicherlich nicht zuletzt dieses Problem im „Robert Guiskard" vorgeschwebt, wo das Volk „in unruhiger Bewegung" gleich machtvoll mit der Handlung einsetzt. Vollends die Dramatiker, die mit und nach den beiden Revolutionen von 1830 und 1843 aufwuchsen, sind davon nicht losgekommen: Büchner in „Dantons Tod", Grabbe im „Napoleon", Hebbel in der „Judith", wo gewaltig erschütternd die Menge als Menge spielt und richte t. A m weitesten aber gelangte Otto Ludwig, als er im dritten Aufzug der „Makkabäer" Lea durchaus zurücktreten ließ gegenüber der bald einheitlich, bald gespalten handelnden Masse, die alles überflutet.
Solche Entwicklungen drängen sich ins Bewußtsein, wenn man Carl Hauptmanns 1906 erschienenes Moses-Drmna betrachtet; denn hier ist wieder jener dramatische Vorwurf: Mensch gegen Masse, aufgegriffen und durchgeführt. Wir sehen Moses, wie er die Jsraeliten aus Ägypten hinausführt. Aber er wächst, je schärfer er seinem Volke gegenübertreten mutz. Eine unablässige Hetze gegen ihn setzt ein, und da sie vierzig Tage in der brennenden Glut der Wüste, im „heulenden, reißenden, eisigen Nachtwind, ohne Wasser" geweilt haben, bricht der Aufruhr aus, und der vom Berge herabkehrende Held zerbricht die Tafeln, in die