Gottfried Haberkorfs Irrtum
von Bernhard Flemes-Hcnneln (Schluß)
Der nächste Tag war ein Sonnabend. Gottfried hielt bis 12 Uhr Schule und rüstete sich, am Nachmittag eine Lehrerkonferenz zu besuchen. Es sollte da über die Einführung eines neuen Liederbuches verhandelt werden, und er gehörte zu der Prüfungskommission, die nun ihr Urteil abzugeben hatte. So entging er heute der Begegnung mit Anna und ließ ihr Zeit, mit sich selbst klar zu werden. Es würde ihr vermutlich schwerer werden .als ihm. Er kannte sich kaum wieder und hatte das Gefühl, als sei er in dieser Nacht durch verrostete Tore einer dicken Mauer geschritten, die ihn bislang umgeben hatte. Nun war er jenseits, und eine fröhlich bunte Landschaft weitete sich vor ihm. Immer lag ihm die Melodie des Liedes im Sinne, das er in der Nacht geschrieben hatte. Er. sang es leise vor sich hin-
Es klang ein tiefes Rauschen, Es glomm ein ferner Schein. Immer mußte ich lauschen, Wußte nicht aus noch ein.
Stand über Nacht im Dunkeln Und wußte Brunnen funkeln, Mein Blut, das war wie Wein, Wie Knospe mein Gebein.
lind durch mein dumpfes Warten, Kamst du in meinen Garten Nnd botest einen tiefen Trunk. Dn war ich jung.
Es rauschte mir entgegen
Ein Brunneu tief und wundersam,
Es ward ein fröhlich Regen
Von Blüte allerwegen,
Ich wußte nicht, woher die kam.
Nun hab ich freies Schreiten,
Weiß ich auch nicht wohin,
So singen doch die Weiten,
Nnd vor mir fliegt mein freier Sinn.
Dann stand er still, horchte eine Weile auf den Lerchensang, wirbelte seinen Stock ein paarmal durch die Luft und wanderte weiter. Du schöne, heimliche