Reichsspiegel
(vom 11. bis 17. Dezember)
Parteien und Wcihlkampf
Unzufriedenheit — Haltung der Regierung — Aufgaben der Parteien — Sozial- demokraten und Bürgertum — Methoden von Sozialdemokraten und Nltramontcmen — Nltramontane Geschichtsforschung — Die ultramontanc Gefahr — Posadowsky über die Sozialdemokratie
Nach Heimgang des alten Reichstags haben die Wahlkämpse für den neuen mit einer Schärfe eingesetzt, wie sie schon lange nicht beobachtet worden ist. Bei allen Parteien ohne Ausnahme besteht die Überzeugung, daß im nächsten Vierteljahr nicht nur um die Mandate für eine Legislaturperiode gekämpft wird, daß vielmehr von der Zusammensetzung des nächsten Reichstags unbedingt die Orientierung der inneren Politik Deutschlands für Jahrzehnte abhängen muß. In der Zusammensetzung des nächsten Reichstags wird aller Wahrscheinlichkeit nach die ganze Unzufriedenheit ihren Ausdruck finden, die sich im Lande seit vielen Jahren aufgespeichert hat, sei es aus nationalen, sozialen, wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen. Aus dieser Unzufriedenheit erwächst auch das starke Bedürfnis nach politischer Betätigung, das allenthalben in bürgerlichen Kreisen zu beobachten ist, und nach politischen Taten, die nicht nur von der Regierung, sondern auch von den Parteiführern gefordert werden.
Die Negierung erweckt, je näher der Wahltermin heranrückt, um so mehr den Anschein, als wolle sie sich in den Streit der Parteien um keilten Preis mischen. Sie beschränkt sich lediglich darauf, möglichst exakte Zahlen und Daten über den Stand der Reichsfinanzen und die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung zu verbreiten: ack usum äelMni. Mögen die Parteien damit machen, was sie wollen! Daneben sind die Behörden in den einzelnen Wahlkreisen nur angewiesen, Angriffe auf und Entstellungen von Negierungsmaßnahmen zurückzuweisen beziehungsweise richtig zu stellen. Man gewinnt den Eindruck, als wolle die Reichsregierung zunächst einmal das Volk sprechen lassen, um an dem Ergebnis der Wahlen die wirkliche Stimmung kennen zu lernen. Herr v. Bethmann erscheint uns dem von Wahlagitatoren erhitzten Lande gegenüber wie ein Alchimist, der aufmerksam das Brodeln in einer über Feuer gesetzten, mit tausend heterogenen Dingen gefüllten Retorte beobachtet, um zu sehen, was unter der Einwirkung der Siedehitze herauskommt. Falls die Regierung, wie hier und da gemunkelt wird, die Durchführung weitergreifender Pläne in ihrem Programm hätte, mit denen sie gegenwärtig nur zurückhält, dann könnte man