Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
552
Einzelbild herunterladen
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Biographien u nd Briefwechse l

In WildesDorian Gray" spricht sich der Titelheld über den berühmten Schöpser seines Bildnisses, Bnsil Hallward, mit folgender Ein­schränkung aus:O, Basil ist der beste Mensch, doch, wie mir scheint, etwas Philiströs an­gelegt/' Der vollendete Lebenskünstler Lord Henry unterrichtet daraufden lieben Jungen" über die äußere und innere Lebenshaltung des Künstlers:Basil gibt allen Zauber, der ihm eigen ist, seiner Kunst. Die Folge ist, daß ihm für das Leben mir seine Vorurteile, seine Grundsätze und sein platter Menschenverstand übrigbleiben . , , Gute Künstler leben nur iu ihren Werke», und sie sind daher als Persön­lichkeiten völlig nniuteressant. Ein wirklich großer Dichter ist das unpoetischste Wesen ans der Welt, aber untergeordnete Dichter find höchst anziehend , , . Diese leben in einer Poesie, die sie nicht ausdrücken können; die an­deren dagegen bringen die Poesie nufs Papier, die sie nicht zu leben wagen." Wie jedes Paradoxon ist auch dieses anfechtbar, und doch ist es auf Henrik Ibsen leicht anzuwenden. Denn Ibsen ist ein äußerster Fall, wie ihn das Paradoxon erfordert. Goethes Briefe an Fran v. Stein, Schillers nn Körner, Kleists an seine Schwester und Hebbels nn Elise Lensing sie lassen uns diese Männer, un­geachtet ihrer Künstlertaten, erleben, Ibsens Briefe sind stumm, dürr. Keine Leidenschaft bedrängte den Beamten der Poesie auf seinem gut bürgerlich geregelten Lebenswege, eine eiserne Tür verschloß das Laboratorium, in dem er nach dem Ausdruck seines Berufs­genossen Fontaneapothekerte"; und arbeitete er mit gefährlichen Erplosivstoffen, sein Wohn­haus war gesichert vor jeglicher Gefahr an­

gelegt. Ein BuchLeben und Werke Ibsens" würde in seinein ersten Teile mager und un­befriedigend ausfallen, und in der Tat be­fassen sich fast alle Ibsenbücher nicht mit der Biographie, sondern mit derPoesie, die er nicht zu leben wagte".

Das bedeutendste Werk dieser Art ist Roman WocrnersHenrik Ibsen", dessen zweiter Band nach neunjähriger Pause dem ersten folgte. (München, C. H. Becksche Verlags­buchhandlung. M. 9.) Der erste Band, der soeben in zweiter Auflage herausgekommen ist, umfaßt, mitKaiser und Galiäer" ab­schließend, die Jahre 1823 bis 1873, der zweite die Jahre 1873 bis 1900; doch ist der 180!) erschieneneBund der Jugend" als modernes Werk in den zweiten Band herüver- genommen. Woerner erörtert in ihm die Dramen des europäischen Ibsenso eingehend, wie der frühere Band die des norwegischen in allen ihren literarischen und biographischen, Psychologischen und ästhetischen Voraussetzungen Prüft und beleuchtet". Die vier Bände des Jbsenschen Nachlasses standen ihm dabei schon zur Verfügung, während für den ersten Band die zweite Auflage nachholt, was aus deu in­zwischen veröffentlichten Briefen und Ent­würfen hinzuzufügen ist. Die Erweiterung beträgt fünfzehn Seiten, der alte Text ist an nur wenigen Stellen geändert worden, brauchte es auch nicht bei diesem gediegenen Werke. So genügt eS für den ersten Band, auf die Besprechung von Carl Jentsch iu den Grenz­boten Jahrg. 69 (190N) Nr. 44 zu verweisen.

Die Konsequenz in Ibsens Entwicklung darzutun, nachzuspüren der Einheit der Ideen, zu erkennen das unveränderliche intelligible Ich in der empirischen Entfaltung, bezeichnet Woerner als seine vornehmste Aufgabe. Er