54K
Dichterwerke in neuem Gewände
In der Grotte des Castello ist es allerdings ein lesender Mönch, dein man erst das Buch zuklappen und die Kerzen ausblasen muß, ehe man zum Schatze gelangt.
Dem Geschlechte der Zwerge und Hausgeister zugehörig, etwa unseren Heinzelmännchen nahestehend, erscheint in Anacapri der gute Ambriano, der einer armen Frau nachts die am Webstuhl angefangene Arbeit vollendet.
Endlich gesellen sich zu den geizigen Erd- und gütigen Hausgeistern auch noch hilfreiche Wasser- und Brunnennymphen, deren Vorhandensein mir ebenfalls in Anacapri verbürgt wurde: Eine arme Alte wußte einst nicht mehr, woher sie die Miete bezahlen sollte. Da fand sie eines Tages beim Wasserschöpfen ein Goldstück im emporgezogenen Eimer. Das ging eine Weile so fort, bis die habgierige Wirtin, die gern das Geschäft selbst übermhmen wollte, ihr kündigte. Als sie zum letzten Male Wasser schöpfte, hob sie einen großen goldenen Apfel mit aus dem Brunnen empor, und eine Stimme rief aus der Tiefe: „Kello, bello, dollo reMlo! ti c!c> un buon ricorcZo!" (Schönes, schönes, schönes Geschenk! Nimm es von mir als gutes AndenkenI)
Auch mir schien am Ende meiner Sammelarbeit eine Stimme aus der Tiefe der Volksseele zu rufen: „Nimm, was du gefunden, und bring es deinem — und meinem Volke!"
Dichterwerke in neuem Gewände
von Heinz Amelung-Friedenau
ie hundertjährige Wiederkehr von Kleists Todestag hat uns nicht nur eine unübersehbare Flut von Zeitschriften- und Zeitungsaufsätzen gebracht, sondern auch eine große Zahl mehr oder minder wertvoller Bücher. (Vgl. das Referat über die neuere Kleist-Literatur in Heft 49 der Grenzboten, Seite 510.) Daß sich in anderthalb Jahren der Geburtstag Friedrich Hebbels zum hundertsten Male jähren wird, macht sich bereits bemerkbar, aber bis jetzt in durchaus erfreulicher Weise. Zwei große Ausgaben des lange verkannten, heute aber so kritiklos gelobten Dichters, daß sich mancherorts Widerspruch dagegen erhebt, treten auf den Plan: in dritter Auflage beginnt die bewährte, vortreffliche historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Tagebücher und Briefe Hebbels, die glänzende Leistung Richard Maria Werners, als „Säkular-Ausgabe" zu erscheinen (B. Behrs Verlag zu Berlin, bis jetzt drei Bände); daneben stellt sich nun eine zweite, von Paul Bornstein besorgte Gesamtausgabe, die sich den Klassikerausgaben des rührigen und kräftig aufblühenden Verlags von Georg Müller in München würdig anschließt. Die beiden Ausgaben wollen nicht miteinander konkurrieren; denn die Anordnung ist in ihnen völlig verschieden. Werner hat an der alten Einteilung festgehalten, natürlich aber berücksichtigt er in seinen klaren und knappen Einführungen die neuen Ergebnisse der Forschung. Bornstein dagegen bringt die Werke in chronologischer Reihenfolge und fügt in jedem Bande zu den Dichtungen die dazu gehörigen bedeutsamen Briefe und Eintragungen der Tagebücher. Auch Briefe an