Reichsspiegel
(Vom 6, bis 12. November)
Regierung, Reichstag und Presse
Marokko- und Kongovertrag im Reichstage — Gewitterstimmung — Die Rede des
Kanzlers — Verhalten des Kronprinzen — Herr v, Hcydebrand — Fragen des
Staatsrechts — Die „Maunesmcinnpresse" — Herrn Ripplers Einladung — Die Klubsitzung — Herr v. Wrochem — Irreführung der öffentlichen Meinung
Es gibt Gewitter, die in wenigen Minuten die lechzende Natur erquicken, und es gibt solche, die die lastende Schwüle selbst nach Stunden währendem Toben nicht zu beseitigen vermögen. Sie vermehren nur das Angstgefühl und ihre Blitze beleuchten ferne Sturmeswolken, die den Frieden bedrohen, aber auch wohl den lichten Streifen am Horizont, von dem aus das gute Wetter zu erwarten ist. Ein solches Gewitter tobte in der zweiten Hälfte der abgelaufenen Woche im Reichstage. Kühlung hat es nicht gebracht; aber seine Blitze offenbarten mit grellem Licht die gefahrdrohenden Wolken, die gegen die innere Politik des Reichs heranstürmen; was sie enthalten und das Maß ihrer Stärke läßt sich noch nicht ganz abschätzen. Alle Anzeichen deuten jedenfalls darauf hin, daß noch viele Gewitter zu erwarten sind, ehe sonnige Tage wiederkommen. In der Politik nennt man solche Gewitterperioden „kritisch" und bezeichnet sie, wenn die Krise tiefer geht, als Konfliktszeit. Politische Krisen gelten aber als tief, wenn sie gleichzeitig Versassungs- und Finanzfragen in Mitleidenschaft ziehen. Diese beiden Fragen aber bilden den drohenden Hintergrund unserer politischen Verhältnisse.
Die Rede des Kanzlers war wie alle seine großen, vorbereiteten Reden ein Meisterstück der Objektivität. Wenn sie die gewünschte aber kaum wohl erhoffte Wirkung auf die Parteien nicht gehabt hat, so liegt das sowohl am Stoff, den sie verarbeitete, wie an der Stimmung der Zuhörer aber auch an gewissen Mängeln in der Rede selbst, wie am Redner. Der fünfte Kanzler mutet in seiner Sachlichkeit als Parlementsredner an, wie ein Wahrheitsverkünder der zu Wahrheitssuchern spricht, nicht wie ein Politiker, der widerspenstige Hörer bezwingen will. Der gelehrte Forscher wird später in den Reden ein klares Spiegelbild von den Dingen finden wie sie tatsächlich sind, aber kein Bild von der Stimmung, die sie veranlaßt haben. Die Stimmung wird völlig ignoriert, die ganze Arbeit und aufgewendete Kraft gilt der speziellen zur Verhandlung stehenden Materie. So unterbleibt denn auch jede Anknüpfung an die Dinge außerhalb, die nicht sachlich direkt mit der Materie zusammenhängen. Ich habe aus diesen Mangel der Kanzlerreden schon öfter, zuletzt gelegentlich der Fleischteuerungsdebatte hingewiesen,