Beitrag 
Am Krankenlager Kaiser Friedrichs
Seite
230
Einzelbild herunterladen
 

Am Arankenlager Aaiser Friedrichs

von Carl Niebuhr-Lerlin

ast ein Vierteljahrhundert trennt uns hellte schon von den Begebnissen ! der ersten Hälfte des Jahres 1888, ein Zeitraum gleich der frideri- ^ zianischen Periode nach dem Hubertsburger Frieden, die ihren Mit- lebeilden so lang erschien und die noch jetzt in den historischen Dar- l stellungen diesen Eindruck erweckt. Aus der Ferne haben sich die Empfindungen und Meinungen, vor dreiundzwanzig Jahren so heftig erregt, wohl­tätig beruhigt; die Macht des Lebens, ausgedrückt durch eine rastlose, ungeahnte Entwicklung auf allen Gebieten, wob den Schleier pietätvoller Erinnerung auch über großes Leid und ungestüme Trauer. Doch nur ungern versetzt sich, wer immer jene bangeil Monate deutsckier Geschichte mit Bewußtsein verfließen sah, in ihre wiedererweckte Folge von Furcht und Hoffnung zurück. Zum Schmerzgefühl eines alten Wundmals gesellt sich dann die Scheu vor dem Heraufbeschwören einer Düsternis, die noch nach Generationen nicht verblaßt sein wird. Helligkeit zuvor und hernach, sie vertieft einen Schatten mitteninne um so mehr.

Am 2ix März 1907 starb Ernst v. Bergmann, reich an verdienten Ehren, der Doyen deutscher Chirurgie und einer der Hauptträger ihres Weltruhms. Die Familie, im Besitz eines eigenen Archivs und des gesamten handschriftlichen Nachlasses Bergmann führte die Feder mit hervorragendem Geschick, faßte den Entschluß, schon jetzt ein Lebensbild des Hingeschiedenen zur Darstellung und Veröffentlichung zu bringen. Angesichts der günstigen Vorbedingungen, unter denen dies geschehen konnte und durchgeführt worden ist, darf man Wohl aussprechen, daß damit einmal ein schlagendes Beispiel aufgestellt wurde gegen sonst herrschende wissenschaftliche Bedenken. Steht doch ohnehin der generalisierenden Warnung vor verfrühten" Biographien die Erfahrung gegenüber, daß mit sozusagen kaltgewordenen Arbeiten, denen binnen fünfzig oder noch mehr Jahren nur Zweifelsfragen nach­wuchsen, eigentlich der Erwartung weit seltener entsprochen werden kann. Und wenn auch bereitwillig zuzugeben ist, daß Taktfragen bei Publikation der Erlebnisse und Aufzeichnungen Jüngstverstorbener wiederum ihre Rolle spielen, wodurch gewiß manche Angabe konventioneller werden mag als sie aussieht, so gewinnt dafür der Zusammenhang doch an Klarheit vorausgesetzt, daß der Bearbeiter über die entsprechend nötigen Fähigkeiten gebot. Das war hier der Fall. Dr. Arend Buchholtz, der Berliner Stadtbibliothekar, hat die Ausgabe mit seinem soeben erschienenen Buche:Ernst von Bergmann" (Leipzig. Verlag von F. C. W. Vogel. Preis 13,75> M.) höchst ansprechend gelöst. Er wußte den scheinbaren Nachteil, nicht der medizinischen Fakultät anzugehören, durch die hicr in der Tat weit notwendigeren