Reichsspiegel
(Vom 9. bis 16. Oktober)
Auswärtige und inn ere Angelegenheiten
Marokkoverhandlungen — Ungeduld — Feldzug gegen die auswärtige Politik — Agitation von links und rechts — Der Krieg als Heilmittel — Der Nepotismus im Auswärtigen Amt — Seine tiefe Ursache — Mangel der Konkurrenz — Anfänge einer Konkurrenz — Lage der deutschen Ausländskorrespondenten — Zwei Möglichkeiten zur Abhilfe — Prozeß Wolf Metternich ^ Eine Aufgabe des Adels
Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich wegen Marokko sind soweit gediehen, daß die künftige Stellung der beiden Mächte in Marokko keiner Erörterung zwischen den Unterhändlern mehr bedarf. Gegenwärtig steht ausschließlich die Frage zur Besprechung, welche Gebietsflächen in Äquatorialafrika fortab deutschen Besitz bilden sollen. Die Zeichnung des ersten Teiles des Vertrages vor Feststellung des zweiten scheint lediglich den Zweck zu haben, zu verhindern, daß immer wieder auf längst erledigte Fragen zurückgekommen wird, wodurch diese leicht Opfer einer augenblicklichen Stimmung werden könnten. Wie notwendig die Maßnahme war, zeigt die seit etwa vierzehn Tagen einsetzende Agitation gegen Herrn Calliou wie gegen die gegenwärtige Regierung in Frankreich überhaupt. Die weiteren Verhandlungen sind durch die getroffene Maßnahme erheblich entlastet, was um so angenehmer ist, als von ihrem befriedigenden Ausgange das Gelingen des ganzen Abkommens abhängt. Die speziellen Besprechungen wegen des Kongogebietes haben zwischen den Herren Cambon und v. Kiderlen Sonntag abend begonnen. Wir müssen uns somit noch immer mit Geduld wappnen.
Die Ungeduld in den deutschen Landen und in den besten und von den edelsten Motiven erfüllten Kreisen des Volkes hängt nun nicht allein zusammen mit dem Geschick des deutschen Handels in Marokko. Viel tiefer nagt in allen die Unruhe wegen der unbegreiflichen Zurückhaltung der Regierung in der inneren Politik und wegen der kommenden Reichstagswahlen. Je länger, um so mehr wird es offenbar, daß die beiden Parteien, die von einem großen Teil der gebildeten und besitzenden Kreise als die Feinde der Nation bezeichnet werden, die größte Aussicht haben, bei den nächsten Wahlen Erfolge zu erzielen. Sozialdemokratie und Zentrum werden, so fürchtet man, den Nutzen von der allgemeinen Unzufriedenheit und aus der Tatenlosigkeit der