Maßgebliches und Unmaßgebliches
Aunst
Francisco de Goya. BonBnleriailv.Loga.
(Meister der Graphik Bd, IV.) Leipzig, Verlag von Klinkhardt u. Biermann.
Das letzte Ziel aller Kunsterziehung muß sein, dem Aufnehmenden zu einem Persönlichen Verhältnis zu Kunstwerken zu verhelfen. Denn auf historische Kenntnisse oder gar auf Kritikfähigkeit kommt es wenig an; die Hauptsache bleibt, daß der Genuß des Kunstwerks zum persönlichen Erlebnis werde, zur Klärung eigenen dunklen Empfindens oder zur Bereicherung der eigenen Phantasie diene. Und um in diesem Sinne erzieherisch zu wirken, dazu ist das graphische Blatt weit eher geeignet als ein den Unerfahrenen oft verwirrendes oder erdrückendes Gemälde. Das graphische Blatt ermöglicht nicht nur verweilendes Betrachten zu beliebiger Zeit und in des Beschauers eigener Häuslichkeit, sondern es fordert den Ungeübten auch weit energischer zu stillem Sichversenken, zu bescheidenem, aber verständnisvollem Eingehen in die Absichten des Meisters auf, als viele oft restaurierte, oft schlecht beleuchtete Gemälde in Ausstellungen und Galerien voll hastender Sommerreisender und lärmender Führer. Graphik ist wie Kammermusik, nicht eigentlich für den großen Konzertsaal bestimmt und doch der tiefsten und feinsten Wirkungen fähig. Aber nicht jeden: ist es vergönnt, sich eine, wenn auch noch so bescheidene, graphische Sammlung anzulegen, nicht jeder hat Gelegenheit, ein Kupferstichkabinett zu besuchen; und selbst in großen Städten, wo jetzt meist ganz vortreffliche Ausstellungen älterer Graphiker veranstaltet werden, liegen die Besuchsstunden so ungünstig, daß es selbst hochgebildeten Laien niemals in den Sinn kommt, einen guten Originalabdruck von Dürer oder Rem-
brandt eingehend zu betrachten. Diesen allen nun kommt die von Hermann Voß herausgegebene Sammlung „Meister der Graphik" entgegen, indem sie der größten Graphiker beste Schöpfungen in guten Nachbildungen und mit wissenschaftlich zuverlässigem Text weiteren Kreisen zugänglich macht, sei es, um das Interesse an Graphik überhaupt zu erwecken, sei es, um die Kenntnis viel genannter, aber wenig gekannter Meister zu fördern 'oder die durch unerschwingliche Marktpreise bedingten Lücken im Bestände kleinerer Sammlungen so gut wie möglich auszufüllen. Und so bringt denn der vorliegende Band neben einer orientierenden Einleitung des bekannten Goyaforschers Loga auf 72 Lichtdrucktafeln in Großquartformat eine vorzügliche Auswahl der besten Radierungen und Lithographien des großen Spaniers. Die Wiedergaben sind, was wichtig ist, nach den besten vorhandenen und oft überaus seltenen Originalen, wo es anging, in Originalgröße hergestellt. Gerade unsere Zeit dürfte diesem dem nach Dürer und Rem- brandt vielleicht Populärsten Graphiker gewidmeten Bande das regste Interesse entgegenbringen, ^t.
Joh. Volkelt: Kunst und Volkscrziehung. München, C. H. Beck.
Als eine Ergänzung seines „System der Ästhetik" verösfentlickit Prof. I. Volkelt einige Vorträge, die er über Kunst und Volkserziehung gehalten hat. Über dies Thema ist viel geschrieben worden, aber ich entsinne mich keines Buches, in dem das „Für" und „Wider" bei der Beurteilung ästhetischer Fragen in gleich maßvoller Weise erwogen, und, wo eS sich um entschiedene Stellungnahme handelt, die Ansicht der Gegenpartei so sachlich begründet Wäre, wie hier. Es ist ein Werk, das in leichtfaßlicher Sprache Klarheit verschafft über die feinen Beziehungen zwischen Kunst und