Reichsspiegel
(Vom 28. August bis !Z, September) Innere nnd auswärtige Politik
Wiederaufnahme der Verhandlungen über Marokko — Länge der Verhandlungen — Notwendigkeit der Geheimhaltung — Spanische Forderungen — Italien besinnt sich — Deutsche Anfrage in London
Herr Cambon ist am Donnerstag in Berlin eingetroffen. Er hat Herrn v. Kiderlen sofort nach seiner Rückkehr seine Karte geschickt, mit der Bitte die Verhandlungen wegen Marokko erst Montag wieder aufzunehmen, da er sich trotz schneller Überwindung der akuten Krankheit noch recht angegriffen fühle. Es handelt sich tatsächlich um keine Diplomatenkrankheit, wie hier und da gemutmaßt wurde, und es liegt sür sie auch kein Grund mehr vor, nachdem ein Versuch, die Besprechungen in Paris zu verschleppen, dank Herrn Cambons unzweideutig zum Ausdruck gebrachten Entschluß, sich nicht zum Agenten Englands herabsetzen zu lassen, gescheitert ist. Am Montag wird der Staatssekretär des Auswärtigen Amts vermutlich die Instruktionen kennen lernen, die Herr Cambon mitgebracht hat, und somit dürften vor Ablauf der eben beginnenden Woche Einzelheiten über den Stand der Verhandlungen kaum bekannt werden — vorausgesetzt natürlich, daß nicht wieder an der Seine halbe Indiskretionen begangen werden. Wir haben indessen Grund zu der Annahme, daß auch die französische Diplomatie in der früher beliebten Art, mit halben Indiskretionen in der Presse zu arbeiten, ein Haar gefunden hat. Das Ziel dieser Manöver, die deutschen Unterhändler aus dem Bau zu locken oder einen der wenigen deutschen Journalisten, die Gelegenheit haben, den Verhandlungen etwas näher zu stehen, zu einer Entgleisung zu veranlassen, wurde nicht erreicht.
Bei einiger Unbefangenheit in: Urteil muß man auch zugeben, daß das deutsche System der absoluten Geheimhaltung der Verhandlungen sich bisher als das bessere erwiesen hat, wenn auch gewisse Interessengruppen und die Sensationspresse sich zurückgesetzt fühlen. Gilt es doch nicht nur Einzelwünsche zu befriedigen, sondern dem Gesamtwohl zu dienen und vor allen Dingen das nationale Wirtschaftsleben vor Erschütterungen zu bewahren, wie sie leicht im Gefolge diplomatischer Verhandlungen auftreten können.
Wenn man bedenkt, wie viele Interessen bei einer Frage wie der marokkanischen zusammentreffen, wieviel Berufene und Unberufene und Elemente