Beitrag 
Reichsspiegel :
(Vom 14. bis 20. August)
Seite
377
Einzelbild herunterladen
 

Reichsspiegel

377

Reichsspiegel

(Vom 14, bis 20, August)

Ausw ärtige Politik

Das deutsch-russische Abkommen Deutschlands Kampf um die offene Tür Stand der Marokkoberhandlungen Stimmungsmache und Presse

Nachdem schon vor einigen Tagen französische und englische Blätter über den Inhalt der deutsch-russischen Abmachungen, Persien betreffend, aus Petersburg zu berichten wußten, wurde am Sonntag der Wortlaut des Abkommens in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht. Überraschungen hat es nicht gegeben. Der Vertrag legt nur dasjenige in schriftlicher Form, auch bezüglich Persiens, fest, was seit Jahren den Inhalt der deutschen Auslandspolitik bildet: das Prinzip der offenen Tür, für das die deutsche Diplomatie in Chiua, Amerika und Afrika mit Erfolg eingetreten ist, wird nun noch ein weiteres Mal auch für Persien schriftlich anerkannt und unterstrichen. Darum bedeutet der Vertrag auch durchaus keine Neuerung in den Grundlagen der deutsch-russischen Beziehungen oder für den deutschen Aussuhrhandel- er faßt, wie gesagt, lediglich längst bestehende Zustände in die Form eines kurzen Vertrages. Darum hat der Vertrag an sich auch nicht so sehr eine Bedeutung für die handelspolitische Stellung Deutschlands in Persien, als vielmehr für den weiteren Ausgleich in den diplomatischen Beziehungen zu Nußland. Es ist bekannt, wie die russische Presse seit Jahren eifersüchtig alle Schritte verfolgte, die seitens deutscher Kaufleute zur Ausbreitung des Absatzes deutscher Waren unternommen wurden. Vielfach wurde es so dar- gestellt, als wolle Deutschland festen Fuß im Kaukasus fassen und dort dem russischen Einfluß Abbruch tun. Derartige Nachrichten stammten zum größten Teil aus englischen Quellen, die mit vollem Bewußtsein die persönlichen Beziehungen zu trüben strebten, die sich zwischen deutschen und russischen Diplomaten nur zu leicht immer wieder zu knüpfen Pflegen. Bei der Nervosität, die in Rußland seit zehn Jahren herrscht, wurden derartige Ausstreuungen selbst in amtlichen Kreisen an der Newa ernster genommen, als sie es verdienten und die englische Diplomatie vermochte im Trüben zu fischen. Naturgemäß entstand hieraus um so eher eine Atmosphäre des Mißtrauens als der deutsche Handel sich tatsächlich und allen Bemühungen des russischen Finanz- bezw. Handels­ministers zum Trotz in Persien ausbreitete. So kam es, daß es vor noch gar nicht langer Zeit und selbst nach dem russisch-japanischen Kriege, den sich Deutsch­land doch in keiner Weise zu einein Vorstoß gegen Rußland zunutze gemacht hatte, kaum möglich war. über persische Dinge in Petersburg zu sprechen, geschweige denn SU verhandeln. Überall begegnete unsern Konsuln und Diplomaten Mißtrauen. Dieses Mißtrauen beseitigt zu haben, das ist der wesentlichste Wert des neuen Vertrages oder richtiger: der Wert der Verhandlungen, die mit dem Vertrage ihr Ende erreicht haben. Während der Verhandlungen sind selbstverständlich alle die Vorwürfe, die in Rußland gegen Deutschland erhoben wurden, zur Sprache gekommen und es ist den deutschen Unterhändlern ein leichtes gewesen nach­zuweisen, worin deren Ursachen und Ursprung zu suchen sei. Und das^ schemt mir das wichtigste Ergebnis der Verhandlungen zu sein. Der persische Schatten Grenzboten III 1911 ' ^