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Die Politik und die Künstler
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Die Politik und die Aünstler

von Kurt Walter Goldschmidt-Berlin

ie schöne, aber noch etwas jugendstolze Zeit liegt hinter uns, da Nietzsche es unter die Gebote des „freien Geistes" einreihte, sich nicht um Politik zu kümmern, und uns damit so recht aus der Seele sprach. Das ist ja der übliche Lauf der Dinge, daß alles Kühne, Revolutionäre eines Tages selbstverständlich wird, seinen verruchten und prickelnden Schauder verliert und nicht nur gegen den guten Ton der Mode, sondern ein wenig auch gegen den guten Geschmack geht. Um unsere eigenen jugendlichen Weltverbesserungsplane stand es nicht viel anders: eines schönenTages sahen wir sie in Rauch aufgehen, und nun wollten wir mutlos überhaupt nichts mehr von dergleichen wissen — bis wir inne wurden, daß eS trotz alledem und alledem an der freilich nur sehr allmählichen Besserung der Zustände mit­zuarbeiten galt und der „Widerstand der stumpfen Welt" Schritt für Schritt bekämpft und überwunden werden mußte. Schließlich sträubt sich die fließende Beweglichkeit des Geistes überhaupt gegen Dognien und Verallgemeinerungen. Je persönlicher die Menschen werden, desto weniger sind abstrakte Regeln und Vorschriften auf sie anwendbar. Was für einen, was für viele jener „freien Geister" das Rechte sein mochte, brauchte es noch nicht für alle zu sein. — Zugegeben, daß die Politik auf ein geistig und sittlich niedrigeres Niveau yerabgeglitten, daß sie vielfach Interessen- sviel und Kuhhandel geworden ist, daß in ihrer Sphäre nur selten große und lautere Charaktere gedeihen — alles dies entbindet die Besseren nicht von der Pflicht, ruft sie vielmehr gerade dazu auf, ihrerseits das Niveau erhöhen zu helfen, das öde Getriebe persönlich zu durchgeistigen und die Sprödigkeit unbestechlicher Charaktere der allgemeinen Zerbröckelung entgegenzustemmen. Die Geistesmenschen, Kultur­träger und vor allem die Künstler bedürfen der „Politik", wenn sie nicht völlig Welt- und zeitfremd werden wollen: die Politik aber bedarf noch viel, viel mehr der Kultur und des Künstlortums, wenn sie nicht in banausische Barbarei versinken und die großen Problenie des öffentlichen Lebens nur aus der Froschperspektive Grenzbotm III 1911 ^